Bei dieser Feierstunde – und das macht ihren Reiz aus – begegnen sich jene Studierenden, die mit einem erfolgreichen Examen die Hanns Eisler Musikhochschule verlassen und jene, die in diesen Tagen ihr Studium an ihr beginnen. Beide wollen wir beglückwünschen. Und wir tun dies von Herzen…. Ich begrüße Sie alle und auch Sie meine Damen und Herren, die Sie Anteil nehmen an den biographischen Einschnitten im Leben unserer Musikerinnen und Musiker. Jene, denen nunmehr staatlicherseits Konzertreife bescheinigt worden ist, - Künstler waren sie schon immer, nur, jetzt ist es amtlich - Sie brauchen diese Glückwünsche ganz besonders. Denn bei aller sorgfältigen Ausbildung, hingebungsvollem Unterricht und jahrelanger Vervollkommnung der eigenen handwerklichen Fähigkeiten und der Entwicklung einer überzeugenden Künstlerpersönlichkeit, braucht man auch ein gehöriges Quentchen Glück, um im Musikleben erfolgreich zu sein und dieses wünschen wir Ihnen.

Sie betreten, wenn Sie die Hochschule verlassen, ein für Sie ungewohntes Terrain. Sie werden erleben, daß der Musikmarkt genauso funktioniert, wie jeder andere Markt auch. Friedrich Nietzsche meinte einmal, daß von allen Ungeheuern der Staat das kälteste sei. Ein erfolgreiches Staatswesen verwirklicht sich heute in Zeiten eines allgemein triumphierenden Marktliberalismus in der Wirtschaft also auf dem Markt und dieser ist durchaus ein kaltes Ungeheuer, mit dem umzugehen nicht leicht ist und gelernt sein will.
Wir, die wir die Künste lieben und vielleicht sogar, wie einst Friedrich Schiller, daran glauben, daß eine ästhetische Erziehung des Menschen zwangsläufig zu einem gerechten und dem Menschen dienenden, friedfertigen Staat führt, sind überrascht, wenn dem nicht so ist, wenn sich der Markt doch als etwas erweist, was für einen Musiker nur schwer durchschaubar, unverständlich und gelegentlich sich auch als feindselig erweist. Er gehorcht anderen Gesetzen, als Musiker sie aufstellen würden, hätten sie es denn in der Hand.
Dankbar muß man jenen Professoren sein, die das Spannungsverhältnis zwischen Künstler-Sein einerseits und der Wirklichkeit andrerseits erkennen und ihren Studenten helfen, diese Spannung auszuhalten, mit ihr umzugehen und auch ganz praktische Hinweise geben, wie man sich als Musik-Künstler in dieser Gesellschaft einrichten kann, d.h. eine bürgerliche Existenz aufbauen kann. Denn in dieser Gesellschaft – und das gilt für die Künstler wie das Publikum gleichermaßen, hat man nur dann gute Karten, wenn man sie sich leisten kann. Doch dorthin ist es oft ein weiter Weg. Die Musikhochschule Hanns Eisler verfügt über einige solcher
Professoren, die die gesamte Existenz der ihnen anvertrauten Schüler im Blick haben. Sie sind besonders wertvoll.
Schaut man genauer auf die gegenwärtigen Lebenswege junger Musiker, so lassen sich sehr überraschende und erfreuliche Tendenzen beobachten. Es gibt nicht mehr das festgefügte Berufsbild eines Orchestermusikers als das einzig erstrebenswerte Ziel einer Ausbildung zum Instrumentalisten. Natürlich sind die großen Orchester immer noch die Sehnsucht aller, wenn nicht sogar die solistische Karriere, die ja doch nur wenigen vorbehalten ist.
Die gesellschaftlichen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte haben vielfach auch ein Unbehagen an der Existenz des Orchestermusikers entstehen lassen. Im Grunde handelt es sich um eine sehr atavistische und, aus der Perspektive aufgeklärter Beobachter, unzeitgemäße Arbeitssituation. Wo gibt es das sonst noch: jemand steht vor hundert Leuten und schlägt mit einem Stock nach unten und alle fangen an zu arbeiten. Andrerseits, wie soll es anders gehen? Der Dirigent hat zwangsläufig eine autoritär angelegte Arbeit zu verrichten und wenn dieser auch künstlerische und menschliche Autorität hat, so ist es kein Problem, sich ihm anzuvertrauen. Dennoch, was immer bleibt, ist dieses Moment von Fremdbestimmtheit, unter dem doch der eine oder andere Musiker, selbst in den ganz großen Klangkörpern, zu leiden beginnt.
Die Sehnsucht an Entscheidungen mitzuwirken, die die Auswahl der Programme, die Auswahl der Dirigenten und der Künstler und Komponisten, mit denen man zusammen arbeitet, betreffen, hat zu gänzlich neuen Formen des gemeinsamen Musizierens geführt. Viele Musiker haben in den vergangenen Jahren Ideen und ein Gespür dafür entwickelt, wie das Musikleben umgestaltet werden könnte, welche neuen Inhalte ihm zugeführt werden könnten, um gerüstet zu sein für die Stürme des 21. Jahrhunderts, in dem die Verflachung des musikalischen Geschmacks durch die neuen Flachmänner unserer Zeit, die so rätselhafte Namen wie iPod und mp3 tragen munter fortschreitet.
Überall entstehen Spezialensembles für Alte Musik, Kammerorchester, die auf Entdeckungsreise in die verschütteten Gefilde der umfänglichen Musikproduktion des 18. und 19. Jahrhunderts gehen, Ensembles für neue Musik, die in unterschiedlich- sten Besetzungen engagiert und qualitativ auf höchstem Niveau dem Neuen eine Bresche schlagen. Die Komponisten danken es ihnen, neue Freundschaften entwickeln sich, völlig andere Kunstformen, multimedial zuweilen, werden kreiert und weitverzweigte, international angelegte Netzwerke werden geschaffen. Es entsteht ein neuer Musikertypus, der, instrumental hervorragend ausgebildet, gestaltend in das Musikleben eingreift. Und das alles schafft natürlich einen neuen Markt mit neuen Marktchancen. Das Ensemble Modern hat dem gängigen Klischee von der nicht mehr mit öffentlichen Mitteln finanzierbaren klassischen Musik ein Schnippchen geschlagen: 85 Prozent des benötigten Jahresbudgets empfangen die Musiker eines deutschen Sinfonieorchesters, von der öffentlichen Hand. Beim Ensemble Modern sind es nur 15 Prozent und das bei Musik, die alles andere als „marktgängig“ ist.
Und noch etwas haben die Musikerinnen und Musiker neuer Prägung entdeckt. Musik hat heute einen anderen gesellschaftlichen Stellenwert als zu Zeiten, in denen die Beschäftigung mit den Künsten integraler und nicht belächelter Bestandteil bürgerlicher Kultur war. Heute ist klassische Musik dann erfolgreich, wenn sie zu einem Event hochstilisiert wird und wenn man mit ihr Geld machen kann. Damit ist noch lange nicht gesagt, daß sie zu einem bedeutsamen, unvergeßlichen Ereignis wird. Das Wissen um Musik ist auf der Strecke geblieben. Die Familien sind nicht mehr der Ort der Vermittlung von Kultur. In den Schulen fällt der Musikunterricht aus – zu 80 Prozent in manchen Städten. Berlin ist eine davon. Jeder Musiker ist heute gefordert, auch im Bereich der Vermittlung von Musik in Schulen, vor Konzerten und in multimedialen Projekten seine Kompetenzen zu nutzen und einzusetzen. In Berlin geschieht bereits sehr viel. Education muß man das nicht unbedingt nennen. Der Begriff der Bildung, der musikalischen Bildung trifft das, was Not tut, sehr viel besser.
Es gibt also einen neuen Musikertypus und er erweckt Hoffnungen. Seine instrumentalen Fertigkeiten sind auf dem höchstem Stand. Aber daneben hat er sich eingestellt auf ein neu strukturiertes gesellschaftliches Umfeld und eine komplexere musikalische Umwelt. Er wirkt mit bei der Umgestaltung des Musiklebens, bei der Heranführung der Jugend an die Musik, bei der Entstehung des Neuen, ohne welches das Althergebrachte keinen Sinn macht. Er tut dies als frei und ungebunden Schaffender, aber auch in Orchestern und Opernhäusern. Von seinem Ideenreichtum und Engagement hängt die Zukunft unseres Musiklebens ab.
Ich las, daß an der uns benachbarten Humboldt-Universität ein interdisziplinäres Projekt ins Leben gerufen worden ist, welches sich „Kreative Zerstörung“ nennt. Wir Musiker sind auf Harmonie bedacht. Zerstörung ist unsere Sache nicht. Aber nennen wir die geschilderte Aufgabe unserer Zeit und in zeitgemäßem Sprachgebrauch wenigstens „kreative Dekonstruktion“.
Sie verlassen oder Sie kommen an eine Hochschule, die sich den Namen Hanns Eisler vor vielen Jahren gegeben hat. Nach der Wende wurde kräftig und vergeblich nachgedacht, ob dieser Name nicht doch durch einen anderen ersetzt werden soll, ob er noch zu fassen vermag, was musikalische Hochschulbildung vermitteln soll. Hanns Eisler hat sich zeitlebens mit den Herrschenden angelegt. Er hat Musik immer verstanden als integralen Bestandteil der Entwicklung einer Gesellschaft und auch als Teil der gesellschaftlichen Widersprüche und als Mittel der Auseinandersetzung.
Von ihm stammt der wunderbare, aber auch rätselhafte Satz: „Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts“. Der dialektisch denkende, immer wieder über die Dummheit in der Musik räsonnierende Hanns Eisler dachte bei dieser Formulierung an die Verwobenheit von Musik in ihre gesellschaftlichen Bezüge. Er hielt nichts von selbstgenügsamer, stillvergnügter Musik-Handwerkelei, von fingerfertigen musikalischen Zwergen und von einer, sich vom Publikum entfernt habenden avantgardistischen Tonsetzerei. Er mischte sich ein. Ihm wäre sein Brecht-Lied als Nationalhymne lieb gewesen: „…und nicht über und nicht unter andern Völkern woll’n wir sein, von der See bis zu den Alpen, von der Oder bis zum Rhein.“
Doch ich denke, die in dem Diktum „Wer nur von Musik etwas versteht, versteht auch davon nichts“ enthaltene Forderung steht im Einklang mit dem, was der neue Musikertypus zu realisieren versucht, wozu auch Sie, die kommende Musikergene- ration aufgefordert sind. Und was in Berlin heute und in Zukunft Daniel Barenboim, Simon Rattle und Lothar Zagrosek, jeder auf seine Weise, beeindruckend verwirklichen und verwirklichen werden.
Doch darf ich diesem schönen Eisler-Wort noch einen weiteren Sinn geben. Vladimir Horowitz hat einem jungen Pianisten, der ihn verzweifelt fragte: „Wie werde ich ein besserer Pianist“ den Rat gegeben: „Lesen Sie Tschechow!“. Natürlich ist dies auch und zunächst nicht viel mehr als ein wohlfeiles Bonmot. Aber dieser Titan des Klavierspiels, der sein Instrument wie kein anderer beherrschte, las gerne und viel und wußte, daß die musikalische Gestalt eines Stückes auch etwas mit Erzählen von aufregenden Inhalten zu tun hat und die Lektüre der großen Dichter hilft dabei dies zu begreifen.
Sie, die sie Ihr Studium an dieser bedeutenden Hochschule in diesen Tagen beginnen, kann man nicht eindrücklich genug darauf verweisen, daß Sie hier in der Mitte Berlins umgeben sind von Geschichte und Kulturgeschichte. Und das heute in einer besonders vibrierenden lebendigen Form. Im Haus neben der Hochschule hat der große E.T.A Hoffmann gelebt und gewirkt. Gleich gegenüber dem Gendarmenmarkt hat Rachel Varnhagen ihren literarischen Salon in Szene gesetzt. Nicht weit von hier stand das Haus des Bankiers Abraham Mendelssohn, Sohn des Moses und Vater von Felix und Fanny, die allsonntäglich ihre Musikalischen Soireen veranstalteten. Durchtränkt ist diese Gegend mit Kulturgeschichte. Aber auch mit ihrem Gegenteil. Vergessen wir das nicht. Neben der Staatsoper gegenüber der Universität haben die Nazis zur Freude Tausender die Bücher unserer großen Dichter und Philosophen verbrannt.
Das Konzerthaus beherbergt heute zwei der bedeutenden Orchester Berlins und bemüht sich um eine facettenreiche, dem Neuen aufgeschlossenen Programmatik. Schon als Schauspielhaus im 19. Jahrhundert war es der Ort wichtiger Erst- und Aufführungen von Haydn, Beethoven und Weber, um nur die wichtigsten zu nennen.
Die Philharmonie ist in weiser Voraussicht – möglicherweise unbeabsichtigt - ganz in der Nähe des alten Zentrums gebaut worden und gehört mit dem Kulturforum zur kulturellen Mitte Berlins. In den vergangenen vier Jahrzehnten ist dort Musikgeschichte geschrieben worden, auch dank der einzigartigen Philharmoniker, die hier ihre Heimstatt haben.
Wenige Schritte weiter steht die Staatsoper, das erste freistehend gebaute Opernhaus der Welt, heute ein Haus mit großer künstlerischer Ausstrahlung. Zahlreiche Theater bieten jeden Abend, die Chance, den Erfahrungshorizont gewinnbringend auch in die Gefilde der schreibenden Künste auszudehnen. Und dann die in der Welt wohl einmalige Museumslandschaft, die das ganze Berlin durchzieht.
In dieser Stadt, die ja auch etwas sehr sympathisch Anarchisches hat, hat sich in den vergangenen Jahren eine reichhaltige Off-Szene entwickelt, in der das entsteht, was in wenigen Jahren uns als bedeutsam erscheinen und an anderer Stelle begegnen wird.
Nutzen Sie diese einzigartigen Chancen, die vielleicht nur das gegenwärtige Berlin in dieser Vielfalt bietet. Sind Sie neugierig, sind Sie offen, spitzen Sie nicht nur die Ohren, was Sie als Musiker ohnehin machen, sondern öffnen Sie die Augen und alle Sinne für die kulturellen Reichtümer Ihrer Umgebung.
Und mir verzeihen Sie bitte den väterlich ermahnenden Stil meiner Ausführungen. Dafür und für Ihre Geduld danke ich Ihnen.