aus Anlaß seiner Ernennung zum Ehrensenator der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin,
10. April 2005

Es war seinerzeit - Mitte der achtziger Jahre - gar nicht so leicht, Simon Rattle überhaupt nach Berlin zu locken. Es ging nur mit ein wenig Bestechung; aus seiner Perspektive war es Erpressung. Jahrelang hatten die Festwochen versucht, den jungen aufstrebenden, in der Provinz auf sich aufmerksam gemacht habenden Dirigenten für ein Festwochenkonzert zu den Berliner Philharmonikern zu engagieren. Es war hoffnungslos. Er wollte partout nicht, sei zu jung, warum schon jetzt, wenn es dann schief geht, später vielleicht…. So etwa lauteten die Argumente.
Mit seinem Orchester aus Birmingham würde er allerdings gerne kommen.
Wir kannten Manchester - wegen United, Liverpool wegen der Beatles - noch nicht als Geburtsort von Simon Rattle, Birmingham begann gerade erst ein Name zu werden wegen seines Orchesters, welchem Simon Rattle in nur wenigen Jahren schon eine beträchtliches Ansehen verschafft hat. Jetzt kam Ulrich Eckhardts listiger Akt der Bestechung: Birmingham darf zu den Festwochen kommen, wenn er, Simon Rattle, dann unverzüglich auch bei den Philharmonikern erscheint, so geschah es denn auch. Er kam im September 1987 mit seinem City of Birmingham Symphony Orchestra und ein Jahr später stand er vor den Berliner Philharmonikern und dirigierte Mahlers Sechste - weniger personalintensiv wie bei der letzten Aufführung vor ein paar Tagen, aber keineswegs weniger bemerkenswert.
Diese Konzerte mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra und das erste Konzert mit den Philharmonikern waren der Beginn einer wunderbaren Freundschaft; soviel Anfang war selten in Berlin, meine sehr verehrten Damen und Herren, die ich Sie herzlich begrüßen darf.
Der Hochschulrat, dem ich vorsitze, freut sich über Ihre Anwesenheit Frau Senatorin Junge-Reyer und auch die Ihre, Herr Senator Flierl.
Sie, Herr Senator, sind heute gewissermaßen in beiderlei Gestalt anwesend, einmal als zuständiger Wissenschaftssenator und zum anderen als Senator für kulturelle Angelegenheiten, wie es einmal hieß, denn hier und heute geht es auch um Kultur, also um das Wesentliche.
Die Geschichte von der ersten Landung Simon Rattles auf dem Planet der Berliner geht jedoch weiter und ihre Fortsetzung ist wichtig als Material für die Lobpreisungen, die ich hier auszusprechen, gebeten worden bin.
Nachdem wir also von den Festwochen unsere Bedingung gestellt hatten, stellte Simon Rattle die seine. Er wollte in das Programm mit seinem Orchester ein Werk seines Lehrers und Mentors Berthold Goldschmidt aufnehmen. Dieser war am 15. März 1933 gemeinsam mit allen anderen jüdischen Künstlern aus der Charlottenburger Oper entlassen worden. Berthold Goldschmidt hatte dann seine Zelte in England aufgeschlagen und ein bedeutsames Wirken entfaltet, vor allem als Lehrer und Mentor. Da stand nun der körperlich kleine, große Berthold Goldschmidt in der Berliner Philharmonie und bedankte sich bei den englischen Musikern, daß sie nach fast 60 Jahren, in denen kein Ton von ihm in Berlin erklungen sei, den Faden wieder aufgenommen hätten, den er damals habe fallen lassen müssen. Simon Rattles Aufführung der Ciaccona Sinfonica löste im Konzert dankbaren Beifall und ein lebhaftes Interesse am Werk Berthold Goldschmidts aus. Eine bemerkenswerte Spätkarriere nahm ihren Anfang mit diesem Konzert.
Aus Deutschland, aus Berlin hatten wir Berthold Goldschmidt verdrängt, physisch im Jahre 1933, aber auch aus unserer Erinnerung und aus unserer Wahrnehmung. Simon Rattle hat uns ihn als Person und mit seinem Werk zurückgebracht und dies ganz ohne moralischen Zeigefinger, ohne großes Gerede. Er hat die musikalische Substanz Berthold Goldschmidts vernehmbar offen gelegt und die tief gegründete Menschlichkeit dieses Musikers für uns erlebbar gemacht. Seither war er in seinem Geburtsland und besonders in Berlin wieder heimisch geworden und hat viele glückliche Tage und Stunden hier verlebt. Neun Jahre nach dieser denkwürdigen Aufführung ist Berthold Goldschmidt hochbetagt gestorben.
Dieses und vieles andere, seit er jetzt in Berlin lebt, hat Simon Rattle angestoßen und das in seiner unnachahmlichen Art, die immer etwas Überzeugendes wie auch etwas Entwaffnendes hat. Sie macht sofort klar, daß man wesentlich besser fährt, wenn man tut, was er will, als wenn man verquere Bedenken äußernd sich dem entgegengestellt. Seine Vorstellungen von dem, was getan werden muß, aber auch von dem was machbar ist und was nicht machbar ist, in der Musik wie im administrativen Unterholz der Philharmonie, sind so klar durchdacht und mit soviel Überzeugungskraft abgesichert, daß ihm Dinge gelingen, die zu träumen viele von uns gar nicht gewagt hätten.
Und all das vermittelt er mit einer strahlenden Freundlichkeit und angereichert mit jenem ironischen auch selbst-ironischen Humor, um den wir die Briten zu Recht beneiden.
Neben den großartigen Konzerten, der Renovierung der Programme seines neuen Orchesters, die hier und da auch konsternierte Reaktionen auslösen, hat Simon Rattle sich der Jugend zugewandt. Er sieht nicht nur, daß die klassische Musikkultur verloren ist, wenn es uns nicht gelingt, in der Jugend das Feuer für sie zu entfachen, er tut etwas dafür. Das große Projekt heißt "education". Der Blick in ein etwas sorgfältiger gestaltetes Wörterbuch hilft weiter: dort steht, daß der Begriff von dem Lateinischen educare sich herleitet, was mit "emporführen" am Angemessensten zu übersetzen wäre. Eine schöne Metapher für das, was der Anspruch dieses "education"-Projektes ist. Will man charakterisieren, was Simon Rattle vorschwebt, so scheint es auch sinnvoll, auf die Gedanken zu verweisen, die sich Friedrich Schiller zur "ästhetischen Erziehung" des Menschen gemacht hat. Er war fest davon überzeugt, daß, sollte diese gelingen, man sich um einen funktionierenden, aber auch immer friedfertigen Staat keine Sorge mehr zu machen bräuchte. Sehr weit sind wir von diesem Traum entfernt, doch die Sehnsucht danach scheint auch Simon Rattle umzutreiben. Aber auch der Begriff der Bildung, und hier der musikalischen Bildung, das heißt eben auch die Vermittlung von Wissen über Musik scheint ihm ein Anliegen. Im Deutschen kennen wir auch den vielleicht nicht mehr so zeitgemäßen Begriff der Herzensbildung. Ich stelle mir vor, daß gerade mit dieser Wortschöpfung, Herzensbildung, und seinen Bedeutungen Simon Rattle eine ganze Menge anfangen könnte.
Wie gesagt, Simon Rattle hat all dies in die Tat umgesetzt. Mit seinem Education-Projekt hat er die Berliner Schuljugend aufgefordert zu begreifen, daß Musik nicht nur schmückendes Ornament einer davon galoppierenden Jugendkultur ist sondern, daß sie, in ihrem historischen Geworden-Sein zur unverzichtbaren Substanz unserer Kultur gehört. Viele werden das nicht begreifen. Unsere Jugendlichen denken heute ganz sicher wie Nietzsche, daß das Leben ohne Musik ein Irrtum sei. Dabei haben sie allerdings andere Musik im Kopf als Nietzsche. Aber dennoch sehe ich hier auch einen Anknüpfungspunkt für unsere vielfältigen Bemühungen der Vermittlung von Musik.
Wir alle, die wir hier in diesem Hause Musik machen, die wir hier über Musik nachdenken und forschen und die wir versuchen, Musik den Menschen zu vermitteln sind Dir, lieber Simon, dankbar für die vielen kleinen und großen Projekte, die Du angeregt hast. Für die so glänzend gelungenen Tanzprojekte, wie sie in dem wunderbaren Film "Rhythm is it" dokumentiert worden sind. Und wir hoffen, daß diese Initiativen überall und vielfältig nachgeahmt werden, insbesondere, was die Bereitstellung von finanziellen Mitteln anbelangt.
Es wäre wenig aufrichtig, würde ich so tun, als würde mit der Verleihung des Titels eines Ehrensenators völlig uneigennützig nur dem Ehre gegeben, dem Ehre gebührt. Bewunderung soll Ausdruck verliehen werden, Bewunderung für Sir Simon Rattles Mut zur Erneuerung des Musiklebens und Dankbarkeit für seinen Beitrag zur musikalisch-künstlerischen Bildung junger Menschen. Aber die Hochschule erhofft sich so Manches auch von Simon Rattle. Sie möchte die geknüpften Bande festzurren, sie möchte ihn als verläßlichen Freund gewinnen, sie möchte seinen im Laufe der Jahre väterlich werdenden Rat einholen dürfen und ihn immer mal wieder, wie heute, auch als Dirigenten erleben, der den jungen Musikern neue Motivationsschübe versetzt, ihnen mit nie nachlassender Intensität die Freude an der Musik vermittelt, die Simon Rattle hier in Berlin wie kein anderer ausstrahlt.
Ich ende also mit dem Wunsch, daß Du, lieber Simon, der Du noch viele Ehrungen, auch solche mit ordentlich viel Geld ausgestatte, erhalten wirst - diese ist es leider nicht -, die Würde eines Ehrensenators der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin mit Begeisterung tragen wirst. Nicht nur unser Dank, auch unsere Freude wäre beträchtlich.