Pressestimmen April 2012

Schnittlauch fühlt sich ausgebeutet

Zwei Offenbach-Einakter an der Hochschule für Musik

Ba-Ta-Clan
Ba-Ta-Clan

Dass man Menschen so einfallsreich als Lebensmittel verkleiden kann! Der Muffin trägt eine Papiermanschette und rote Zuckerkügelchen auf dem Kopf; weiße Daunendecken umhüllen den fleischgewordenen Teebeutel. In Offenbachs Operette »Mesdames de la Halle«, die in einer Markhalle spielt, erweckt Regisseur Michael Höppner die Ware zum Leben. Die originellen Kostüme stammen von Hanne Loosen.

Die Inszenierung gehört zu einem Offenbach-Doppelpack, das am Samstag in der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« am Gendarmenmarkt Premiere hatte. Neben »Mesdames de la Halle« ging Offenbachs chinesische Fantasie-Komödie »Ba-ta-clan« über die Bühne. Beide Operetten-Einakter führte der Komponist in den 1850er Jahren in seinem eigenen Pariser Theater auf.

Die Musik von Jacques Offenbachs gehört zu den größeren Herausforderungen, die man dem studentischen Nachwuchs zumuten kann. Sie ist technisch äußerst anspruchsvoll und soll doch zugleich jederzeit luftig beschwingt und charmant klingen. Um diese Aufgabe zu meistern, hat die Hochschule den Offenbach-Experten Jean-Christophe Keck, der etliche Werkausgaben des französischen Komponisten herausgegeben hat, als Gastprofessor berufen.

Mit Keck am Dirigierpult entwickelt sich der Abend in musikalischer Hinsicht rundherum erfreulich. Das hochschuleigene Orchester erzeugt wirbelnde Ausgelassenheit und rhythmischen Drive. Die Gesangspartien, die gleichermaßen stimmliche Ausdauer und Geschmeidigkeit erfordern, sind durchweg souverän besetzt. Bettina Gfeller hinterlässt als Schinken mit ihrer apart eingedunkelten Stimme nachhaltigen Eindruck. In »Ba-ta-clan« überzeugt Jakob Ahles als Ko-ko-ri-ko mit seinem
kraftvollen Bass.

Mesdames de la Halle
Mesdames de la Halle

Kopfzerbrechen bereiten jedoch die Inszenierungen der Musiktheaterregie-Studenten. Zugegeben, Michael Höppners Einfall, in »Mesdames de la Halle« die Lebensmittel zu vermenschlichen, ist eine ebenso originelle wie tragfähige Idee. Sie erlaubt es, gesellschaftskritische Spitzen einzubauen, die auf jenes Verhältnis zielen, dass Marx als Fetischcharakter der Ware diagnostiziert hat. Jedoch überspannt Höppner diesen Bogen, indem er die Operette mit allzu tiefsinnigen Dialogen beschwert, die eher eines Brecht-Theaterstücks würdig wären: Schnittlauch fühlt sich »irgendwie ausgebeutet«; der Muffin lässt einen Stoßseufzer ab, es müsse doch »mehr geben als diese verfluchte Markwirtschaft.« Heiteres und Bitterernstes prallen in dieser Inszenierung aufeinander, anstatt sich, wie es der Komponist nahe legt, gegenseitig zu durchdringen.

In der China-Komödie »Ba-ta-clan« vermag Regisseurin Eva-Maria Weiss die sinnlos-verwirrende Handlung nicht so recht zu bändigen. Hier geht es um vier französische Geschäftsleute, die sich als Chinesen ausgeben. Auch in dieser Inszenierung laufen Klamauk und Ernst - hier im Umfeld einer technokratischen Überwachungsdiktatur - unvermittelt nebeneinander her.

neues deutschland_30. April 2012_Antje Rößler

Stefan Willich - Ein Mediziner an der Spitze der Hochschule für Musik Hanns Eisler

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reinhören

Ein Gespräch des rbb Inforadio mit Herrn Prof. Dr. Stefan Willich.

rbb Inforadio_16. April 2012_16 Uhr 45_Jens Lehmann

Erntedank

Das Gedenkkonzert für Boris Pergamenschikow.

Acht Jahre sind vergangen, seit Boris Pergamenschikow den Bogen seines Cellos für immer aus der Hand legen musste. Doch das, was der Musiker aus St. Petersburg über das Spielen erfahren hat, lebt fort. Pergamenschikow, der 1977 in den Westen emigrierte, war ein großer Lehrer, ab 1988 an der Berliner Eisler-Hochschule. Zum vierten Mal richteten ihm seine Schüler nun ein Gedenkkonzert aus, eine Art Erntedankfest im Kleinen Saal des Konzerthauses – mit Beethovens Sonaten für Klavier und Violoncello. Ein Programm im Sinne Pergamenschikows: das gleichberechtigte Musizieren zweier Partner, die solistische Emanzipation seines Instruments, Experiment und Eigensinn, eingebettet in Humor und wehrhafte Humanität.

Wer so denkt, gibt einen Klang nicht einfach weiter, er ermutigt jeden Schüler, den eigenen Ton zu finden. Fünf Sonaten, fünf Cellisten, vier Pianisten: ein intensives, forderndes Erlebnis.

Zart, dabei ohne jeden Anflug von Weichlichkeit begegnen Julian Steckel und sein Pianist Paul Rivinus der Sonate F-Dur op. 5 Nr. 1. Ganz dem poetischen Fluss ergeben steuern Julian Arp und Caspar Frantz durch das Schwesterwerk in g-Moll op. 5 Nr. 2. Beethovens heroische Phase findet mit Claudio Bohórquez und Katia Skanavi rhythmisch raffinierte und leidenschaftliche Kämpfer. Die extremen Höhenlangen der späten Sonate C-Dur op. 102 Nr. 1 integriert Danjulo Ishizaka mit Leichtigkeit, Emil Rovner antwortet den Schroffheiten von op. 102 Nr. 2 mit Aufrichtigkeit. Martin Helmchen ist beiden ein akribischer Partner am Klavier. Viele Gaben, ein Geist: Die Konzerte für Pergamenschikow gehen weiter.

Der Tagesspiegel_19. April 2012_Ulrich Amling

Taktstock statt Spritze

Charité-Professor verarztet jetzt Musik-Studenten

Mitte – Früher behandelte er Herz- und Kreislauferkrankungen, jetzt „verarztet“ Stefan Willich (52) rund 600 Musik-Studenten. Der Charité-Professor ist der neue Direktor der renommierten Hanns-Eisler-Musikhochschule am Gendarmenmarkt. 
17 Jahre leitete der Internist die Abteilung „Sozialmedizin“ am Universitätsklinikum in Mitte. Schon dort stellte er die Diagnose: „Musik hat heilende Kräfte.“ Willich: „Ich wollte eigentlich Dirigent werden. Doch dann hatte ich Angst, vielleicht nur ein Provinz-Musiker zu werden und habe auf Medizin umgeschwenkt.“ Doch die Musik ließ ihn nicht los. 2007 gründete er das „World Doctors Orchestra“. Über 80 Ärzte aus fast 20 Ländern musizieren zur Unterstützung medizinischer Hilfsprojekte. Durch dieses Engagement kam der Mediziner ins Rennen um den Direktorenposten. Willich: „Ich möchte die Uni mehr nach außen öffnen, die Klassik in breitere Gesellschaftsschichten tragen.“

BILD_10. April 2012_CvD

Der Arzt mit dem Taktstock

Medizin und Musik gehören für den neuen Rektor der Eisler-Musikhochschule Stefan Willich zusammen

Auch dort gehörte die Musik zu seinem Leben: Neben seiner Forschertätigkeit plante er die Veranstaltungen des von ihm gegründeten World Doctor's Orchestra. Dem steht er als Dirigent vor. Nicht zuletzt wegen seiner Präsenz auf dem internationalen Parkett und seinem interdisziplinären Blick war die Wahl der Musikhochschule auf den Mediziner gefallen. Willich steht einer Institution vor, die für sich den Anspruch erhebt, die Solistenschule schlechthin zu sein. Ihre 563 Studenten lassen sich von namenhaften Musikern - wie Sir Simon Rattle - in den verschiedensten Disziplinen bilden: Komposition, Dirigieren, Klavier, Blas- oder Streichinstrumente.

Der lange Werdegang von Musikstudenten ist dem heute 52-jährigen Stefan Willich bis zu einem gewissen Grade selber bestens vertraut: Bereits mit sechs Jahren hat er von seinen Eltern eine Geige in die Hand gedrückt bekommen. Warum ausgerechnet Geige? "Meine Schwester spielte damals schon Klavier - das Instrument war also besetzt", scherzt Willich. In Stuttgart hat er zunächst ein Musikstudium begonnen - Geige und Dirigieren - und sich dann doch für die Medizin entschieden. Bereut hat er diesen Entschluss aber nie.

Ein leises Aufatmen ist zu hören, wenn er sagt, dass er es schön findet, sich die Musik als einen Bereich bewahrt zu haben, der nicht beruflich belastet ist; in dem er keinen Vorgaben oder Anordnungen folgen muss, sondern einfach frei seiner Leidenschaft nachgehen kann. Er ist sowieso überzeugt: "Mit einer solchen Hingabe kann man nur musizieren, wenn man Laie ist und Musik nicht von Berufswegen her betreibt." Ob er sich vorstellen kann, heute nicht Mediziner, sondern professioneller Dirigent zu sein? Stefan Willich muss lachen: "Die Frage hat sich damals tatsächlich gestellt, das wäre durchaus eine Option gewesen."

Nun ist er aber in erster Linie Mediziner. Das Studium in Berlin und München hat er mit einem Abschluss an der renommiertesten Universität der Vereinigten Staaten, in Harvard, ergänzt. "Aber die Musik habe ich mir als einen Ausgleich zu den intellektuellen Anforderungen der Medizin immer bewahrt. Manche sammeln Briefmarken, andere spielen Eishockey, ich dirigiere oder spiele Geige". Es klingt wie ein ganz normales Hobby - für das er im Schnitt am Tag neben seiner Arbeit immerhin zwei Stunden aufbringt.

Er gibt zu, als Arzt eher rational an die Musik heranzugehen: "Aber wenn ich ein Werk erst einmal ganz durchdacht analysiere, komme ich doch zu einem emotional noch viel tieferen Verständnis", meint er. "Und auf gewisse Weise ist die Medizin ja nicht umsonst auch eine 'Heilkunst', in der man auch nicht alles mit dem Verstand erklären kann. Als Mediziner bringt man übrigens schon von Berufswegen her eine große Disziplin mit, die bei harten, langen Orchesterproben sehr hilfreich ist."

Sein fünfjähriger Sohn Lion besucht auch schon mal die Konzerte, die sein Vater dirigiert. "Manchmal hört er mit mir auch Beethoven, aber eigentlich möchte er mit mir lieber seine Kinderlieder singen. Dann erklärt er stolz, dass er der Musikhochschule "Hanns Eisler" das Potenzial zutraut, eine der führenden Musikhochschulen Europas zu sein. In Staccato zählt er seine Pläne und Ziele als Rektor auf: Erstens, zweitens, drittens und viertens. Aber fünftens, darauf legt er den größten Wert, möchte er die Hochschule stärker vernetzen: "Mir liegt viel an einer Allianz mit den führenden internationalen Musikhochschulen wie New York, Moskau, Peking und Warschau. Es täte uns gut, wenn wir uns gegenseitig abstimmen und untereinander bestärken würden."

Berliner_Morgenpost_3. April 2012_Mareike Hunfeld