Pressestimmen Juli 2005

Tiefe Töne

Erst nach einer Weile fallen einem die Hände auf. Zuerst hatte er sie nicht still halten können, beschrieb sein Leben mit vielen Gesten. Vielleicht hatte man auch nur nicht gleich darauf geachtet. Doch jetzt sieht man sie, die dicke Hornhaut an den Fingern seiner linken Hand. Ob er durch diese Hornschicht etwas fühlen kann? Ob er spüren kann, wie zart die Haut am Nacken seiner Freundin ist? Und wenn er die rechte Hand zur Faust ballt, scheint es, als hätte er einen zusätzlichen Knöchel zwischen Zeigefinger und Daumen. Der dicke Knubbel kommt vom Bogenhalten. Knapp 150 Gramm, verteilt auf eine Länge von etwa siebzig Zentimetern, täglich mehrere Stunden hin und her zu bewegen, hinterlässt eben Spuren. Genauso wie die dicken Saiten, die mit den Fingern an bestimmten Punkten "verkürzt" werden müssen, um die gewünschten Töne zu erzeugen. Es sind die Hände von Elias Mai, 19, Student. Sein Fach: Kontrabass.

Auch Reimer Bustorffs Finger haben Schwielen. Auch er spielt Bass, E-Bass allerdings. Was die beiden noch gemeinsam haben, ist diese Hornhaut - und der Wunsch die Musik zum Beruf zu machen. Reimer, 34, ist Bassist der Hamburger Band "Kettcar", die mit ihrem zweiten Album "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" im März die Deutschen Albumcharts von Null auf Platz Fünf gestürmt hat.

Als Elias mit zwölf anfängt Bass zu spielen, ist er kein Neuling mehr in der Musik. Schon im Bauch seiner Mutter wurde er ständig mit klassischer Musik konfrontiert. Seine Eltern, beide Geiger, arbeiten als Orchestermusiker in Berlin. Seine älteste Schwester studiert Geige in Leipzig. Ein Instrument spielen wurde Elias quasi in die Wiege gelegt. Er konnte gar nicht anders. Mit sechs Jahren begann er Klavier zu lernen. Irgendwann wollte er dann auch mal etwas anderes ausprobieren. Aber bloß nichts mit hohen Tönen. "Das war vielleicht meine Art von Rebellion gegen die Eltern, dass ich die tiefen Töne lieber hatte." Elias schmunzelt. Und in seinem Berliner Dialekt sagt er noch: "Die Vibration fand ick schau."

Viel Auswahl hatte er nicht: "Für andere Streichinstrumente wie Geige oder Cello wäre ich damals schon zu alt gewesen. Die meisten fangen ja schon mit drei oder vier Jahren an. Das kann man mit zwölf nicht mehr aufholen." Und ein Streichinstrument sollte es nun mal sein. Anfangs brachte ihm ein Bekannter seiner Mutter aus dem Orchester die Grundbegriffe bei: Haltung, Bogenführung, Fingerstellung. "Es war eine Art Schnupperjahr", sagt Elias heute. Erst mal sehen, ob ihm das Instrument überhaupt zusagen würde. Es sagte zu. Nach einem Jahr wechselte er den Lehrer. Der Neue, Solo-Bassist der Berliner Symphoniker, verlangte schnell mehr, der Unterricht wurde straffer.

Reimer Bustorff kam eher zufällig zu seinem Bass, der sich mit dem von Elias kaum vergleichen lässt - ebenso wenig wie die Musik, die er damit macht. "In meiner ersten Band gab es schon zwei Gitarristen, deshalb habe ich dann eben auf Bass gewechselt", sagt er. Reimer begann mit 15 Musik auf der Gitarre rumzuschrammeln und selbst Melodien zu erfinden. Seither hat er die Musik nicht mehr verlassen. 2001 gründete er zusammen mit Markus Wiebusch "Kettcar". Als das erste Album fertig war, wollte kein Plattenlabel die CD rausbringen. Also kümmerte sich die Band selbst darum und gründete das eigene Label "Grand Hotel van Cleef". Die erste Platte "Du und wie viele von deinen Freunden" verkaufte sich schon richtig gut. Von ihrer Musik leben können Reimer und seine vier Bandkollegen jedoch erst seit einem knappen Jahr.

Dass Elias Berufsmusiker werden will, wusste er schon ziemlich früh. Ab der 7. Klasse nahm der Realschüler bereits zusätzliche Stunden an einem speziellen Musik-Gymnasium in Berlin. Das bedeutete extra Nachmittagsunterricht für ihn: Bass, Klavier, Gehörbildung und Tonsatz. Die Tage waren ausgebucht. Ab und zu hat er da gehadert. Seine Mitschüler konnten nach der Schule ihre Joysticks traktieren, er nur sein Instrument. Wieder und wieder. Die Computerspiele mussten warten. "Natürlich war ich manchmal neidisch. Aber ich finde trotzdem nicht, dass meine Freunde es besser hatten als ich. Die sind jetzt dran mit der Entscheidung, was sie aus ihrem Leben machen wollen."

Als Elias 16 Jahre alt war, fällte er die endgültige Entscheidung für den Beruf des Musikers und zog seine Konsequenzen: Mit dem Realschulabschluss beendete er seine schulische Laufbahn. Bassist werden hatte Vorrang. Doch eigentlich braucht man das Abitur, um an einer Musikhochschule studieren zu können. Doch Elias wusste, dass in manchen Fällen auch ein besonders gutes Vorspiel bei der Aufnahmeprüfung und die Empfehlung eines Lehrers ausreicht. Also übt er. Zeit hatte er ja nun. Eineinhalb Jahre. Keine Schule, kein Beruf, nur der Bass. Seine Prüfung schaffte er mit Bravour. Nun ist er seit einem Semester Student an der Hanns Eisler Musikhochschule in Berlin. Kurz vorher hat er noch beim Bundeswettbewerb "Jugend musiziert" als bester Deutscher des Jahres 2004 in seiner Alters- und Instrumentenklasse abgeschnitten. Auch wenn Elias kein großes Aufheben davon macht, so leicht ist das nicht. Man muss schon ziemlich gut sein, um da zu gewinnen.

Auszeichnungen scheinen ihm nicht so wichtig zu sein. Er ist auch keiner, der behauptet, täglich acht oder mehr Stunden zu üben. "Aber es gibt Leute, die wirklich so viel üben. An der Hochschule kenne ich beispielsweise einen Geiger, der ist schon morgens um sieben im Übungsraum." Elias findet das nicht spießig oder strebermäßig. Eher kurios. Denn Elias ist kein Frühaufsteher. "Ich versuche aber trotzdem mindestens zwei Stunden am Vormittag zu üben." Man horcht auf. So wenig? Aber Elias hat da sein eigenes Maß gefunden. Allerdings ist er erst im zweiten Semester. Je näher die Prüfungen rücken, desto mehr wird er arbeiten müssen.

Reimers Studium hatte mit Musik herzlich wenig zu tun. Zwölf Semester hat er Geschichte studiert und dann im vergangenen Sommer alles hingeschmissen. Dass er doch nicht Lehrer werden wollte, war ihm eigentlich schon lange klar. Aber die Musik zum Beruf machen? "Nein, das habe ich nie ernsthaft vorgehabt. Die Band lief eigentlich immer nur nebenbei." Wer in dieser Branche nicht gecastet wird oder bei einer großen Plattenfirma unter Vertrag steht, hat hierzulande sowieso kaum eine Chance, einen Hit zu landen. Und dann hat es sich einfach doch ergeben. Mit dem Label wollten sie den Fängen der Musikindustrie entgehen und haben etwas geschafft, was in Zeiten der Plattenaufkäufe durch Manager und Musikbosse kaum möglich erschien: den Charterfolg. Und was wäre gewesen, wenn die Leute die erste Platte nicht so zahlreich gekauft hätten und das Label den Bach runter gegangen wäre? "Dann hätte ich wohl mein Studium zu Ende gebracht und was dann gewesen wäre, darüber will ich lieber gar nicht nachdenken."

Über die Arbeitssuche macht sich Elias noch keine Sorgen, obwohl auch er es nicht einfach haben wird. An der Hanns Eisler Musikhochschule studieren im Moment 26 Bassisten. Im Vergleich zu anderen Instrumenten sind das verdammt wenige. "Sicher, bei uns gibt es weniger Konkurrenz als etwa bei den Geigern oder Pianisten, aber unsere Möglichkeiten sind auch viel geringer." In einem großen Symphonieorchester beispielsweise gibt es gut dreißig Plätze für Geiger und nur zwei oder drei für Bassisten. Selbst ein kleines Kammerorchester hat fast zehn Geiger aber nur einen Bassisten. Außerdem kann man als Geiger Solist werden. Das ist schwer, aber immerhin möglich. Für den Kontrabass gibt es so gut wie keine eigenen Solokompositionen. Zwar ist eine Bassstimme in beinahe jedem Stück vorgesehen, doch sie bleibt eben immer im Hintergrund. Der sowieso sehr überschaubare Arbeitsmarkt ist für Elias also doppelt eingeschränkt. "Aber mit Fleiß und Enthusiasmus müsste ich es trotzdem in ein Orchester schaffen", glaubt Elias optimistisch.

Dass Reimer es mit "Kettcar" geschafft hat, ist ihm selbst noch ein bisschen rätselhaft. Da gehört einfach auch eine Menge Glück dazu." Doch ohne Arbeit und Talent geht es auch in der Popmusik nicht. Reimer und der Frontman der Band, Markus Wiebusch, komponieren und texten ihre Songs selbst. "Das ist für mich total wichtig, zum Musikmachen gehört das Schreiben einfach dazu." Er kann dann schon mal ein paar Stunden alleine mit seiner Gitarre verbringen. Durchschnittlich eine Stunde täglich übt Reimer zu Hause, dazu kommen die Proben, zwei Mal in der Woche für drei oder mehr Stunden. Nun gut, manchmal fällt die Probe auch aus, aber spätestens vor einer Tour oder einem Einspieltermin sitzen die fünf "Kettcars" regelmäßig und auch länger im Probenraum.

Außer der Hornhaut an den Fingern haben Reimer und Elias noch etwas gemeinsam: die Unkenntnis der Welt des anderen. Elias war noch nie auf einem Rockkonzert oder in der Disko und Reimer in keinem klassischen Konzert. Ihr Musikgeschmack ist vollkommen gegensätzlich. Und dabei geht es nicht um einen Streit über Punk, Techno, Rock oder Rap. Elias hört schlicht und einfach keine Popmusik. "Ich habe nichts dagegen", sagt er, "es stört mich nicht sonderlich, wenn es mal läuft, aber ich persönlich höre so etwas nicht." Obwohl, vor Jahren, hat er sich mal eine CD von den Fugees gekauft, weil ihm das Lied "Killing me softly" so gut gefiel. Heute hört er sie nicht mehr, womöglich ist sie gar nicht mehr da, vielleicht verschenkt oder liegen gelassen. Es ist jedenfalls seine einzige nicht klassische Platte geblieben. In Elias' CD-Regal stehen Bach, Beethoven, Schubert, Bruckner, Dvorak, Gershwin und Komponisten, von denen die meisten noch nicht einmal im Musikunterricht gehört haben. Reimer mag "The Smith" oder lässt sich von den "Strokes" inspirieren. "Ich habe es ausprobiert, aber klassische Musik ist nichts für mich", sagt der Hamburger. Er steht eben auf gitarrenlastige Popmusik. Und Elias auf Klavier- und Orgelwerke. Musik ist ihr Leben, egal ob Pop oder Klassik. Über den Weg werden sie sich wahrscheinlich nie laufen. Der Weg vom Konzerthaus der Philharmonie in den Backstageraum eines Rockkonzerts kann kurz sein, aber im Falle von Reimer und Elias ist er ganz schön weit.



GEKKO_Juli 2005_Susanne Strätz

Zu Gast: Christine Schäfer

anlässlich des abschlusses der 2. sommerakademie königs wusterhausen ist ein gespräch mit christine schäfer zu hören:

zu gast
christine schäfer
kulturradio
29. juli 2005 16.10 h
frequenz UKW 92.4 kabel 95, 35

bitte beachten: der sendetermin kann sich aufgrund aktueller ereignisse verschieben.

Schluss mit Solo

Die Jazzmusiker von UdK und Hanns Eisler spielen künftig in einem gemeinsamen Institut auf

Eine Institution in zwei Häusern. Das kennt man in Berlin, seitdem Ost und West zusammenwachsen. Für das neue Jazz-Institut Berlin (JIB) soll die örtliche Doppelstruktur nur eine Interimslösung sein: Es zieht im Herbst 2006 ins ehemalige Filmhaus am Einsteinufer. Bis dahin müssen Studierende und Lehrende zwischen Charlottenburg und Mitte pendeln.

Aber der Zusammenschluss ist perfekt: Seit dem 1. Juli gehören die Jazzabteilungen der Universität der Künste und der Hochschule für Musik Hanns Eisler zusammen. Der Senat hatte den Unis nahe gelegt, angesichts des klammen Finanzhaushalts Kooperationsmöglichkeiten zu finden. In der Tat hielt die Hauptstadt bislang zwei Studienangebote für Jazzmusik bereit: Sowohl die UdK im Westen als auch die Hanns Eisler im Osten bildeten Nachwuchsjazzer in Gehörbildung, Arrangement und Komposition aus.

Doch wie macht man aus zwei Musikabteilungen möglichst reibungslos eine? Schließlich ist die Jazzlehre der Hochschulen keineswegs identisch. Angefangen bei den Studentenzahlen: Die UdK unterrichtet jährlich 35 Nachwuchsmusiker, die Nachbarhochschule bildet fast dreimal so viele Studierende aus. Dadurch entwickelten sich jeweils eigene Formen des Zusammenspiels: Die Hanns Eisler bietet das Spielen in Big Bands an. Die Jazzer an der UdK proben in Ensembles mit kleinerer Besetzung. Auch die Abschlüsse unterschieden sich: War das Studium an der Hanns Eisler rein künstlerisch aufgebaut, verließen Studierende der UdK die Universität mit einem "Diplom in Musikerziehung".

Jetzt haben die Hochschulen einen gemeinsamen Lehrplan entwickelt - und satteln im neuen Institut gleichzeitig Schritt für Schritt auf Bachelor und Master um. Ein Umbau der Lehrpläne war ohnehin fällig, sagt der künstlerische Leiter Peter Weniger. Kooperationen seien zwischen UdK und Hanns Eisler, die sich lange als Konkurrenten sahen, längst kein Fremdwort mehr. Oft spielen Studierende in Ensembles der Nachbarschule oder treffen sich in Workshops. Ende Mai organisierten die Lehrenden beider Universitäten zum ersten Mal gemeinsame Aufnahmeprüfungen.

Weniger ist sich sicher, dass im neuen Jazzinstitut die Vorteile beider Hochschulen zusammenfließen: Die Studierenden sollen sich sowohl im Jazztrio ausprobieren, als auch im großen Swingorchester mitmischen können. Wer sich zum Berufsmusiker ausbilden lassen möchte, kann sich für einen "Bachelor of Music" einschreiben. Für künftige Musiklehrer bietet das Institut den "Bachelor of Music Education" an. Zusätzlich gibt es den weiterführenden "Master of Music".

Kräftig umgebaut wurde der Stundenplan: Auch im Theorieunterricht soll jetzt der Bezug zur Praxis gelehrt werden.Wenn etwa ein Jazzstudent mündlich zum "Neapolitaner" befragt wird, muss er nicht nur die Struktur des komplizierten Sextakkords erklären können. "Dann kann es gut passieren, dass wir ihn auffordern: Pack' mal dein Instrument aus und leg' los!", erklärt Weniger. Zusätzliche Testate nach ausgewählten Veranstaltungen sind ebenfalls geplant.


Ausruhen können sich die Studierenden nach bestandener Aufnahmeprüfung ohnehin nicht: Neuerdings müssen die Jungjazzer eine Probezeit von zwei Semestern durchlaufen. Danach können sie zu einer Zwischenprüfung gebeten werden. Weiterstudieren darf nur, wer das besteht. Die Studierenden begrüßen die neue Entscheidungsfreiheit zwischen künstlerischer und pädagogischer Ausbildung. Das Jazzinstitut bringe neue Kontakte, die für eine Musikerlaufbahn unentbehrlich sind, sagt Ketan Bhatti, Jazzstudent im sechsten Semester an der UdK.

Von ihm kommt allerdings auch Kritik. "An unserem kleinen Fachbereich wussten die Professoren alles über unsere Vita, unser Können und in welchen Bands wir spielen", sagt Bhatti. Diese individuelle Förderung könnte am neuen Institut zurückgehen. Zudem würden Studienplätze gestrichen. Während die UdK weiterhin 35 Nachwuchsjazzer beisteuert, reduziert sich die Zahl der Hanns Eisler-Studierenden auf etwa 55.

Institutsdirektor Weniger schließt tatsächlich nicht aus, dass langfristig weniger Lehraufträge vergeben werden. Aber viele, die derzeit an der UdK und an der Hanns Eisler Jazz lehren, würden auch am JIB weiter unterrichten.

Und wo sieht Weniger das Jazz-Institut in fünf Jahren? Aus dem Institut soll eine Institution geworden sein, sagt er. Ein Berliner Zentrum für Jazz- und Popularmusik, das eng mit Plattenfirmen zusammenarbeitet - und vielleicht ein Label gründet, unter dem die Studierenden erfolgreich CDs produzieren. Ein eigenes Haus wird das Institut dann ja haben.


Annett Meiritz_14.07.2005_Der Tagesspiegel

Erste Jazz-Uni in Berlin gegründet

Berlin hat jetzt eine Jazz- Uni! Die Hochschule für Musik ‚Hanns Eisler‘ und die Universität der Künste haben sich zusammengetan, das Jazz-Institut Berlin (JIB) gegründet. „Wir bündeln die künstlerischen Kräfte der beiden Hochschulen. Wir wollen in zwei Studiengängen (Bachelor und Magister) professionelle Jazzmusiker ausbilden.“, sagt der JIB-Leiter Peter Weniger. Das JIB nimmt die Arbeit zunächst in getrennten Räumlichkeiten auf. Sie bekommt aber ab dem Wintersemester 2006 einen gemeinsamen Standort – in einem Gebäude am Einsteinufer in Charlottenburg. Und was bringt am Ende so ein Jazz-Diplom? „Bei uns lernen junge Musiker aus der ganzen Welt, wie sie ihre eigene künstlerische Identität finden und gleichzeitig zum professionellen Jazzmusiker werden“, erklärt Weniger.



BILD Berlin_11.07.2005_flm

Heute ein König

Exzellenz-Konzert: Hanns Eisler-Studenten im Marstall

Ein Exzellenzkonzert im Krönungskutschensaal - das klingt geradezu einschüchternd. Nach altem Adel und hohen Herrschaften. In Wahrheit stecken hinter dem noblen Titel Studenten der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Im April konnte das Musik-Konservatorium mit Stammsitz am Gendarmenmarkt neue Räumlichkeiten im ehemaligen Marstallgebäude am Schlossplatz in Mitte ziehen. Hier, ein wenig versteckt hinter dem Palast der Republik, arbeiten die Nachwuchsprofis nun unter besten Probenbedingungen - und können ihre Auftritte in attraktivem Rahmen absolvieren: eben im Krönungskutschensaal.

Wo früher Pferd und Wagen des Königs untergebracht waren, dürfen sich die besten Eislerianer heute der Öffentlichkeit präsentieren. Die Konzertreihe im 300-Plätze-Saal steht unter der Schirmherrschaft des Staatsopernchefs und Ehrensenators der Hochschule, Daniel Barenboim. Das "Exzellenz" im Namen steht dabei nicht für die regelmäßige Teilnahme ausländischer Botschafter, sondern bezieht sich auf ein Modewort, mit dem in der Wirtschaft das Streben nach Höchstleistungen umschrieben wird. An diesem Freitag um 18 Uhr geht Ruslan Vilensky mit Johann Sebastian Bachs 2. Cello-Suite an den Start.

Der 1985 geborene Lette studiert in Berlin bei David Geringas. Anschließend wagen sich die 24-jährige Sophie Heinrich, die 25-jährige Renate Hupka und die 27-jährige Tomomi Okumura an György Ligetis Trio für Violine, Horn und Klavier. Auch das wird sicher ein exzellentes Hörerlebnis.


Der Tagesspiegel_07.07.2005_Frederik Hansen

Zu Gast: Scot Weir

in der sendung "zu gast" im rbb-kulturradio ist am 4. juli 2005 um 16.15 h ein gespräch mit prof. scot weir zu hören.

zu gast prof. scot weir
kulturradio
4. juli 2005 16.15 h
frequenz UKW 92.4 kabel 95, 35

bitte beachten: der sendetermin kann sich aufgrund aktueller ereignisse verschieben.

Udk und Eisler-Hochschule gründen Jazz-Institut

Fünfzehn Jahre lang fuhr Berlin in der akademischen Jazzausbildung zweigleisig. Damit ist seit gestern Schluß. Mit ihren Unterschriften besiegelten Christhard Gössling, Rektor der Hanns-Eisler-Musikhochschule, und Martin Rennert, Vizepräsident der Universität der Künste (UdK), die Gründung eines gemeinsamen Jazz-Instituts. Eine vom Senat eingesetzte Expertenkommission war im Frühling 2003 zum Schluß gekommen, daß eine Zusammenlegung der beiden Jazzabteilungen von UdK und Hanns Eisler unter Kosten- und Synergieaspekten sinnvoll wäre. "Wir sind als Jazzmusiker in der Lage, sehr schnell auf veränderte Rahmenbedingungen zu reagieren", erklärt Peter Weniger, der als Künstlerischer Direktor das "Jazz-Institut Berlin" (JIB) leiten wird, die relativ flinke und unproblematische Fusion der beiden Jazzabteilungen.



Berliner Morgenpost_02.07.2005_Josef Engels

Der Dozentenstamm soll erhalten bleiben; dafür schrumpft die Zahl der Auszubildenden. Aus den bislang 130 Studienplätzen werden 90. Im Oktober 2006 soll das JIB einen eigenen Standort bekommen, einen bislang als Kino genutzten Bau der Technischen Fachschule am Einsteinufer. In dem Jazzhaus sollen Unterrichts- und Übungsräume, ein Konzertsaal sowie ein eigenes Tonstudio eingerichtet werden. Bis es soweit ist, werden die Studenten noch getrennt in den Räumlichkeiten der Hanns-Eisler-Musikhochschule sowie der UdK unterrichtet. Gefeiert wird die JIB-Gründung heute ab 20 Uhr mit einem Festival in der Freilichtbühne Spandau.

Manuskript

Interview mit dem künstlerischen Direktor Prof. Peter Weniger und dem geschäftsführenden Direktor Björn Sickert des Jazz-Instituts Berlin

Moderation:

Wie kaum eine andere Musikform steckt der Jazz voller Grundsatzfragen. Swing versus Bop, Bop versus Free - oder aber diese: Kann man Jazz unterrichten?
Die einen behaupten, wahre Jazzgößen entstünden nur beim "woodshedding" - beim einsamen Brüten über dem eigenen Stil. Die anderen dagegen singen das Loblied des methodischen Unterrichts, der Übungen und Workshops.
Für den Erfolg des letzteren Ansatzes gibt es zahlreiche lebendige Beweise. Zwei davon wirken seit Jahrzehnten in Berlin: Die Universität der Künste im ehemaligen Westen der Stadt hat so herausragende Musiker hervorgebracht wie Michael Schiefel, Kai Brückner oder Eric Schäfer. Im Osten, an der Hochschule für Musik Hanns Eisler, studierten unter anderem Volker Schlott, Maria Baptist oder Benjamin Weidekamp.
Nun hat der langanhaltende Bildungskahlschlag des Berliner Senats auch bei diesen beiden Säulen des Berliner Jazzlebens seine Axt angelegt. Eine "unabhängige Expertenkommission" empfahl die Zusammenlegung der beiden Institute. Konkret bedeutet das Stellenabbau, Reduzierung des Lehrangebots und der Studentenzahlen.
Als der erste Schreck verflogen war, beschloss man in den beiden Studiengängen gute Mine zum bösen Spiel zu machen. Die bisher konkurrierenden Professoren setzten sich kurzerhand zusammen, um ein gemeinsames Projekt aus der Taufe zu heben: das Jazz-Institut Berlin, kurz JIB.

Peter Weniger
Peter Weniger

O-Ton

Man muss ja sehen, das waren zwei Mitbewerber am selben Ort, die sich seither immer versucht haben, eifrigst die Studenten abzujagen.

Moderation:

Björn Sickert ist frischgebackener Geschäftsführer des neuen Instituts und Lehrer für Tonsatz und Gehörbildung an der HfM Hanns Eisler.

O-Ton

Und dann saßen die plötzlich alle an einem Tisch und es stellte sich sofort raus, dass man es mit grundsympathischen Musikerkollegen zu tun hatte. Da gab's natürlich die ein oder andere Klippe zu umschiffen, aber grundsätzlich hat man sich im Laufe dieser vielen Sitzungen doch gut zusammengerauft. Und [es ist] wie ich finde außergewöhnlich, so schnell ein harmonisches Miteinander zu schaffen, ohne dass das jetzt spannungslos und schlapp wäre.

0:50

Moderation:

Spannungslos und schlapp war das Jazzstudium in Berlin auch bisher nicht. Es gab immerhin zwei eigenständige und in ihrer Unterschiedlichkeit sehr reichhaltige Jazzabteilungen. Die HfM Hanns Eisler überzeugte vor allem durch ihre extreme stilistische Bandbreite von der innovativen Improvisationsmusik der Dozenten Gebhard Ullmann oder Frank Möbus bis zum traditionellen Big Band Jazz des bisherigen Leiters Jiggs Wigham.

Musik: Eisler Big Band

0:25

nach 25 sec. unter Mod ausblenden

Moderation:

Der Jazzstudiengang der UdK gab sich stilistisch etwas einheitlicher als die Konkurrenz aus dem Osten. Manchmal war sogar von einem typischen UdK-sound die Rede. Geprägt wurde der durch den bisherigen Leiter David Friedmann und verkörpert durch Musterschüler wie die Gruppe "Jazz Indeed" mit Tilmann Dehnhard, Michael Schiefel, Bene Aperdannier, Daniel Cordes und Rainer Winch.

langsam unter der Mod. einblenden, so dass nach deren Ende der Beginn des Themas hochkommt (Tracktime 0:12)

Musik Jazz Indeed: Summer

0:30

bei Tracktime 0:43 langsam unter Mod. ausblenden

Moderation:

Kunstvoll, feinsinnig, technisch einwandfrei aber bisweilen etwas glatt, so klangen und klingen zahlreiche Absolventen der Berliner UdK. Seit dem Abschied des überragenden Schlagzeugprofessors Jerry Granelli scheint dabei die handwerkliche Brillanz immer mehr Vorrang zu bekommen vor der künstlerischen Eingenständigkeit.
Professor Peter Weniger, künstlerischer Leiter des neuen Jazzinstituts, legt besonderen Wert auf die technischen Grundlagen des Musikerdaseins:

O-Ton

So'n Beruf hat einfach viele Anforderungen, die funktionieren müssen, wie in jedem Beruf auch. Ein Mechaniker, der nicht weiß, dass er ne Schraube rechtsrum dreht, wenn er sie anziehen soll, das nützt auch nix. Und so gibt es Dinge fürn Musiker, die müssen eben sein.

0:20

Moderation:

Hoffentlich vergisst man am JIB dabei nicht die Notwendigkeit, dass die Studenten ihre eigene Identität überhaupt erst entwickeln müssen - gelegentlich auch abseits von vorgeprägten Stilformen.
Immerhin hat das Jazzinstitut Berlin trotz sinkender Finanzmittel keine schlechten Voraussetzungen, seinen Studenten und Studentinnen ein inspirierendes Lernklima zu bieten. Peter Weniger will wechselnde Dozenten aus Berlin jeweils für 1 bis 2 Semester ans JIB holen. Wenn er dabei die musikalische Bandbreite der Stadt voll ausschöpft, kann dies den Studenten tatsächlich weitreichende Horizonte öffnen. Ebenso vielversprechend klingt der Plan eines neuen Gebäudes für das JIB auf dem Campus der UdK mit eigener Bühne und Café.
Klangvoll engläutet wird das Jazz Iinstitut Berlin dieses Wochenende mit dem Festival Jazz Interchange in der Spandauer Zitadelle, auf deren Bühne sich Hochschulbands aus ganz Deutschland ablösen werden. Darunter auch die Gruppe Inner Shape aus der Berliner UdK.

unter dem letzten Absatz einblenden, so dass die Moderation bei Tracktime 0:38 endet, dann Musik hoch und ausspielen:

Musik Inner Shape


Deutschlandfunk_01.07.2005_Markus Gammel

Jazz-Institut Berlin

(kso) Die Jazzabteilungen der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin und der Universität der Künste Berlin haben am 1.Juli 2005 das gemeinsame "Jazz Institut Berlin" gegründet. Diese Bündelung und Fokussierung der Kapazitäten sei nötig, denn mit dem Standort Berlin werde ein immenses Potential verbunden, sei es wirtschaftlicher, politischer oder kultureller Natur, so das neue JIB in einer Presseerklärung. "Teile der Kreativszene Londons und New Yorks bemühen sich um ein Standbein in der Hauptstadt, denn hier ist für jeden erfahrbar, dass die ethnische Vielfalt, die vorhandenen Brüche, die Allgegenwart von Politik und Geschichte und nicht zuletzt die geographische Lage Berlins im neuen Europa zu einem Klima des experimentellen Aufbruchs führt." Auf diesem Nährboden wollen beide Gründerhochschulen einen neuen Kristallisationspunkt in Sachen Jazz schaffen.

Ein Ziel der Arbeit im JIB ist die Wegfindung zur eigenen künstlerischen Identität in Verbindung mit dem Berufsbild des professionellen Jazzmusikers. Jazz, verstanden als eine der künstlerischen Ausdrucksformen des 20. und 21. Jahrhunderts, hat in "Zeiten des Aufbruchs stets eine tragende Funktion" und bedeutet "immer auch die Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, Ausbruch aus der Tradition und Provokation" - eng verbunden mit gesellschaftlicher Reflexion. Eine internationale Vernetzung soll den Studierenden, neben essentiellen musikalischen Erfahrungen unterschiedlichster landestypischer Prägung, vor allem auch langfristig wichtige Anknüpfungspunkte im späteren Beruf bieten.

Netzbasierte Lern- und Wissensplattformen sowie die Förderung und Anwendung aktueller Technologien sollen im neuen JIB eine Selbstverständlichkeit sein. Möglich gemacht werden soll dies in einer eigenen Location. Es ist geplant, dass das neue Haus neben diversen Unterrichts- und Überäumen einen eigenen Saal für Konzerte und Workshops, ein eigenes Tonstudio zum Experimentieren und nicht zuletzt ein eigenes Café haben wird.


www.scienzz.com_01.07.2005_Klaus Oberzig