Rossini ist im Medienzeitalter angekommen. Fernsehansager begrüßen das Publikum zur Aufführung seiner Oper "Il signor Bruschino". Reporter unterbrechen Arien, erörtern in Interviews mit den Darstellern die aktuelle Lage. Turbulent und fantasievoll geht es auf der Bühne der Hochschule für Musik Hanns Eisler zu. Regisseur Dirk Siegel präsentiert die "Farsa giocosa" als Mischung aus Reality-Show und Seifenoper mit Sex and Crime.
Das passt nicht schlecht, schließlich geht es um überkandidelte Rollenspiele und Identitätswechsel. Der geschickteste Lügner gewinnt.

Florville gibt sich nicht als "Al, der Millionär", aber als Sohn des wohlhabenden Signor Bruschino aus, um Sofia heiraten zu dürfen. Gerissen stattet er sich mit Dokumenten und Zeugenaussagen aus. Am Ende will ihn sogar Signor Bruschino lieber als seinen Sohn anerkennen als verrückt zu werden.Das gewagte Regiekonzept überzeugt. Ein großer Rahmen mit Falltüren und Hintereingängen bestimmt das Bühnenbild. Die Sänger filmen sich gegenseitig, auch die wichtigen Dokumente erscheinen in Großaufnahmen an der Wand. Die Gesangsstudenten legen sich mit Stimme und Spiellust ins Zeug.

Martina Helmig_Berliner Morgenpost_06.05.2004
Roman Grübner gibt mit lyrischem Timbre und herrlichen Koloraturen den sangesgewaltigen Hausherrn. Yvonne Zeuge spielt mit ebenso beweglicher Stimme das Opernluder, das an jedem Mann herumfummelt. Das Hochschulorchester unter Stewart Emerson unterstützt sie mit lebendigem Engagement.
Noch eine zweite frühe Rossini-Oper steht auf dem Programm, mit dem die Regiestudenten ihre Diplomprüfung ablegten. Konventioneller wirkt die Inszenierung von Liis Kolle aus Estland, die "La cambiale di matrimonio" zwischen Kartons und Leitern in einem Warenlager spielen lässt. Hier werden nicht nur Weltkugeln und die Mona Lisa verkauft. Der Besitzer will auch seine eigene Tochter an seinen reichen kanadischen Geschäftspartner verhökern. Mit Stimmkraft, Witz und Esprit sorgen die Sänger auch hier für ein schmunzelndes Publikum.

Bruschetta kennt jeder, der gerne italienisch Essen geht. Wer oder was aber ist Bruschino? In Dirk Siegels Diplom-Inszenierung an der "Eisler"-Hochschule ist Signor Bruschino ein bemitleidenswerter Hypochonder, den eine wild gewordene Meute davon überzeugen will, dass sein Sohn gar nicht sein Sohn ist.
Siegel dreht Gioacchino Rossinis schon auf dem Papier ziemlich verquere Kurzoper ins absolut Absurde - und der Regisseur hat Glück: Für den krönenden Abschluss seines fünfjährigen Regie-Studiums hat er Kommilitonen gefunden, die begeistert bei jeder noch so verrückten Idee mitmachen.
Wer glaubt, Opernsänger seien unattraktive Menschen, die sich auf der Bühne nur ungern bewegen, wird hier vom Gegenteil überzeugt: Die Solisten sehen nicht nur unverschämt gut aus, sondern turnen auch furchtlos durch die schrägen Dekorationen von Christof von Bürgen.
Dazu wird auf wirklich beachtlichem Niveau gesungen und musiziert. Als einziger alter Hase der Truppe sorgt "Eisler"-Professor Stuart Emerson dafür, dass bei den rasanten Koloraturen und aberwitzig schnellen Dialogpassagen alles glatt läuft. So können Yvonne Zeuge und Florian Hoffmann schließlich Roman Grübner ein "Ja" zu ihrer Hochzeit abtrotzen, während der arme Signor Bruschino (Eloi Prat i Morgades) bei diversen Schusswechseln und Geiselnahmen seinen gerade erst wieder gefundenen Sohn verliert.
Zu Handgreiflichkeiten aller Art kommt es auch bei der zweiten Rossini-Farce. Regisseurin Liis Kolle allerdings setzt mehr auf traditionelle Komödie. Lars Betko hat ihr ein Warenlager gebaut, in dem die Kunstschätze des Abendlands verwahrt werden. Als ein cooler Kanadier (Thorbjörn Björnsson) auftaucht, um sich in old Europe eine Frau zu kaufen, gerät alles durcheinander. Am Ende siegt dann aber auch hier die wahre Liebe.

Frederik Hansen _Der Tagesspiegel_04.05.2004
Hochschule für Musik Hanns Eisler international an die Spitze bringen
Christhard Gössling hat kein Problem mit dem Begriff "Elite". In seinen Kreisen hat das von vielen Bildungspolitikern erst kürzlich wiederentdeckte Wort schon immer einen positiven Klang. Wohlhabende Eltern oder gute Beziehungen allein nützen im internationalen Musikbusiness nämlich wenig. In den inner circle der Künstlerelite gelangt nur, wer aus eigener Kraft Spitzenleistungen erbringt. So wie der gebürtige Westfale Gössling: Mit 13 Jahren war er schon Jungstudent an der Musikakademie in Detmold, mit 21 wurde er Soloposaunist des Kölner Gürzenich Orchesters, seit 1984 spielt er in derselben Position bei den Berliner Philharmonikern. Außerdem war er von 1992 bis 1998 im Vorstand des Orchesters, ist Vater von neun Kindern und unterrichtet seit 1995 Studenten an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin (HfM). Seit dem Sommersemester 2000 leitet Gössling die Hochschule erfolgreich als Rektor. Vor wenigen Wochen wurde sein Vertrag verlängert.

Auf dem Weg zur Ausbildungsstätte der Elite von morgen sind die Kunsthochschulen den Universitäten einen entscheidenden Schritt voraus: In strengen Auswahlverfahren suchen sie sich ihre Studenten traditionell selber aus. Darum fällt es der HfM auch leichter, den Sparvorgaben des Senats Folge zu leisten. 1,5 Millionen Euro soll die Hochschule laut mittelfristiger Finanzplanung bis 2009 aus ihrem Etat herausquetschen. Das bedeutet eine Reduzierung der Studienplätze von derzeit 850 auf 700. Bis Ende Juni muss ein Strukturplan entwickelt sein. "Vor allem müssen wir festlegen, was wir im Nebeneinander mit der Universität der Künste beibehalten und wo wir kooperieren wollen," erklärt Gössling. Im Bereich Jazz ist eine enge Zusammenarbeit so gut wie beschlossen, was die Opernsängerausbildung betrifft, werden noch verschiedene Modelle diskutiert. Bei der Qualität der Professoren soll die HfM nach dem Willen des Rektors aber in jedem Fall künftig die erste Geige im Konzert der 22 bundesdeutschen Musikhochschulen spielen: Durch die intensiven Kontakte, die er als Mitglied der Philharmoniker zu Spitzensolisten und -dirigenten aufbauen konnte, ist es Gössling gelungen, klingende Namen nach Berlin zu verpflichten.
Vor allem, seit es die Möglichkeit gibt, auf ein Jahr befristete halbe Gastprofessuren zu vergeben. So können auch gefragte Instrumentalisten wie der Geiger Gidon Kremer oder Sängerstars wie Julia Varady Auftritte und Lehrtätigkeit unter einen Hut bekommen.
Weil jeder dieser Spitzenmusiker wiederum künstlerische Freunde nach Berlin locke, sei der Kreis der HfM-Lehrkräfte mittlerweile "ziemlich konkurrenzlos", fügt Gössling stolz hinzu. Das würden die Kollegen an der Universität der Künste wohl kaum unwidersprochen hinnehmen - unbestritten aber sind zwei Standortvorteile der HfM: Einerseits die zentrale Lage am Gendarmenmarkt, direkt beim Konzerthaus und in unmittelbarer Nachbarschaft zu Staatsoper und Komischer Oper. Und andererseits die Größe: Weil die "Eisler"-Hochschule gerade keine Massenuni ist, sondern ein überschaubarer Betrieb, in dem die Studenten tatsächlich die Chance haben, sich kennen zu lernen.
Um seine Hochschule in der breiten Öffentlichkeit noch bekannter zu machen, kann Gössling jetzt auch den neu geschaffenen Hochschulrat nutzen: Seit die Berliner Kunsthochschulen keine nachgeordneten Behörden des Landes Berlin mehr sind, darf die HfM externe Fachleute in das Gremium berufen. Neben dem Dirigenten Sebastian Weigle und dem ehemaligen Philharmoniker-Intendanten und jetzigen Geschäftsführer des Frankfurter Ensembles Modern, Elmar Weingarten, konnten der Internet-Manager Christian Töpper und der frühere Wirtschaftsminister Werner Müller gewonnen werden. Als es bei der ersten Sitzung um einen Nachfolger für den aus Altersgründen ausscheidenden Hochschulkanzler Günter Schwarz ging, schlug Müller gleich vor, den Job künftig mit einem Sockelgehalt und finanzieller Beteiligung an der Drittmitteleinwerbung auszuschreiben. So schnell schießen die Preußen bei allem Reformwillen dann doch nicht: Im Juni wird ein Beamter aus der Innenverwaltung an die HfM wechseln.
Frederik Hansen _Der Tagesspiegel_04.05.2004