Absolventen der Musikhochschule Hanns Eisler überzeugen im Theater
Sie geben Anlass zu den schönsten Hoffnungen, die Absolventen der Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler, die am Sonntagabend auf dem "Podium junger Künstler" im Großen Haus des Brandenburger Theaters den etwa 300 Zuhörern ein anspruchsvolles Programm präsentiert haben. Als "Konzert gegen die Violine" wurde das Opus 77 von Johannes Brahms (1833-97) genannt, das 1879 in Leipzig uraufgeführt wurde und mit dem der Komponist seinem engen Freund und Berater, dem Geiger Joseph Joachim, ein Denkmal gesetzt hat. Unter der einfühlsamen Leitung von Adrian Heger brillierte die Solistin Yun-Jin Cho mit einer technisch perfekten Leistung. Während es dem Nachwuchsdirigenten beeindruckend gelang, die verschiedenen Stimmungen dieses vielschichtigen Werkes herauszuarbeiten und dem Orchester dabei einen brillanten Klang zu entlocken, hätte man sich von der Solistin trotz ihrer beeindruckenden Virtuosität stellenweise ein wenig mehr Kantabilität gewünscht.

Buchstäblich mit links gab Dirigent Ralf Sochaczewsky der Flötistin Marta Masini präzise ihre Einsätze, während er mit rechts das Orchester souverän leitete. Das anspruchsvolle Flötenkonzert von Carl Nielsen (1865-1931) ist 1926 entstanden. Da hatte der dänische Komponist bereits mit mehreren Sinfonien, Konzerten und einem Bläserquintett beeindruckt. Ursprünglich wollte er fünf Blaskonzerte schreiben, die das Temperament und die Eigenschaft des jeweiligen Solo-Instrumentes ausdrücken sollten. Doch entstanden nur zwei, eines für Klarinette und das für Flöte. Zwei Sätze hat es mit jeweils zwei markanten Themen.

Mit beeindruckender Virtuosität nahm die junge Flötistin den Dialog mit dem Orchester auf und ließ sich nicht beirren von den schrillen Tönen der Klarinette, die die Flöte in einer atemberaubenden Doppelkadenz begleitet hat, nicht durch höhnisch wirkende Posaunenklänge, nicht durch donnernde Paukenwolken: Unangefochten suchte sich die Flöte ihren Weg durch musikalische Explosionen des Orchesters, tänzelte durch das burleske Hauptthema des zweiten Satzes, um schließlich den ganzen Aufruhr in einem friedlichen Schluss zu harmonisieren. Minimale Ungenauigkeiten bei den Einsätzen, die das Orchester souverän auffing, verzieh man der hochbegabten Flötistin gern. Mit Werken von Mozart, Rossini und Verdi gestalteten der Dirigent Igor Budinstein und der Bariton Sung-Kon Kim den Auftakt des Konzerts. Budinstein gerieten seine Interpretationen insgesamt ein wenig bemüht. Während der junge Bariton mit der Mozart-Arie des Grafen aus "Le Nozze di Figaro" uneingeschränkt überzeugte, wirkte er mit der Arie des Figaro aus "Il Barbiere de Seviglia" etwas überfordert. Auch bei ihm lagen Virtuosität und Lampenfieber dicht beieinander.
Ann Brünink_Märkische Allgemeine Zeitung_28.03.2006
Orchesterworkshop mit Seiji Ozawa an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin

Orchestermusiker, die bereits ihren Ruhestand genießen oder kurz vor der Pensionierung stehen, haben ihre berufliche Laufbahn häufig noch begonnen, ohne zuvor mit der Praxis in Berührung gekommen zu sein. Man erlernte ein Instrument, zumeist am Konservatorium oder an einer Hochschule, und nur wenn es dort ein funktionsfähiges Orchester gab, wenn auch der Lehrer es für vertretbar oder gar für förderlich erachtete, konnten die Eleven zumeist männlichen Geschlechts dort erste Erfahrungen sammeln in dem Metier, das mit dem ersten Engagement dann ihr professionelles werden sollte. Ausnahmen bestätigten die Regel, etwa in Berlin, wo im RIAS-Jugendorchester bereits in den Fünfziger Jahren anspruchsvolle Programme erarbeitet wurden und dessen Mitglieder denn auch nicht selten gleich den Sprung in die „großen" Orchester schafften. Wilhelm Furtwängler konnte, zwar für einen Vortrag an der damaligen Berliner Hochschule für Musik gewonnen werden, ihn zu einer Orchester-Arbeitsphase einzuladen, wäre damals aber niemandem in den Sinn gekommen.
Furtwänglers Nachfolger bei den Berliner Philharmonikern, Herbert von Karajan, viel weniger eloquent, aber ein Genie der Orchesterleitung, nahm einen jungen Dirigenten nach dessen Debüt in der Philharmonie am 21. September 1966 viele Monate unter seine Fittiche. Sein Name: Seiji Ozawa. Er sollte schon wenige Jahre später auf den Podien dreier Kontinente von sich reden machen - in Europa, wo er sein Studium fortsetzte und bald Engagements bei führenden Orchestern erhielt, in seinem Heimatland Japan und in Nordamerika, wo er nach Stationen in Toronto und San Francisco 1973 für drei Jahrzehnte Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra wurde.
Damit verbunden war auch die Leitung des Sommerfestivals in Tanglewood und dort wiederum hat auch die Nachwuchsförderung seit langem Tradition, in Form einer Art Orchesterakademie für Studenten, mit denen Gastdirigenten des Festivals wie auch dessen Direktor gelegentlich arbeiten und auftreten. Im Gegensatz zu vielen anderen namhaften Dirigenten, die sich seit den 1970er Jahren den verschiedenen internationalen Jugendorchestern zuwandten und damit sehr jungen Instrumentalisten entscheidende musikalische Erfahrungen boten u.a. Abbado, Bernstein, Giulini, Haitink, Masur, später auch Barenboim mit seinem eigenen Projekt, hat sich Ozawa jedoch in dieser Hinsicht sehr zurückgehalten.
Nun aber hat Christhard Gössling, Rektor der Berliner Hochschule für Musik „Hanns Eisler" und seit mehr als zwei Jahrzehnten Solo-Posaunist, zeitweilig auch Orchestervorstand der Berliner Philharmoniker, wieder einmal seine engen Kontakte zu Spitzenkräften des internationalen Musiklebens genutzt, zum Wohle der Hochschule und ihrer Studierenden.

Ihm gelang es schließlich, nach Sir Simon Rattle, Kent Nagano und Christian Thielemann auch Seiji Ozawa, der inzwischen als Direktor der Wiener Staatsoper an die Donau gezogen ist, im Anschluss an eines seiner regelmäßigen Konzerte mit den Berliner Philharmonikern für einen öffentlichen Workshop mit dem Orchester der HfM zu gewinnen. Der mit inzwischen 70 Jahren unvermindert agile Ozawa kommt als personifiziertes Understatement daher. Plötzlich steht er im Kammermusiksaal der Philharmonie auf dem Podium, strahlt japanische Höflichkeit aus, zugleich aber die Souveränität des Dirigenten von unangefochtener Kompetenz. Er setzt nicht auf Autorität und persönliche Aura, um ein Orchester zu bezwingen, sondern geht ganz einfach in medias res, nämlich Beethovens A-Dur-Symphonie, deren Einleitung, poco sostenuto, er geradezu antipathetisch, quasi andante, spielen lässt. Das Studentenorchester, durchweg auf erfreulichem Niveau und in der Hochschule zuvor offenbar gut präpariert, folgt ihm konzentriert und mit Hingabe.

Michael Jenne_Das Orchester_3/06
Für Hochschulstudenten, die heute zumeist schon über einschlägige Erfahrung in Landes-, Bundes- und internationalen Orchesterformationen verfügen, birgt Beethovens Siebte keine Angstschweiß treibenden technischen Schwierigkeiten. So geht es denn vor allem um interpretatorische Feinheiten, mimische Präzision, Temponuancen, klangliche Balance eben wie im Profilager. In dieser Weise mit einem Dirigenten aus der Weltliga Beethoven zu arbeiten, darin liegt der besondere Wert einer solchen Orchesterwerkstatt für die Nachwuchsmusiker, in der Mehrzahl auch hier -musikerinnen. Als das Pensum eigentlich erledigt ist und noch einige Zeit bleibt, schlägt Ozawa vor, die beiden übrigen Sätze wenigstens anzuspielen. Dass er dabei im Orchester in viele „unhappy faces“ blicke, ist wohl eher augenzwinkernd gemeint, mit ihm hätten die Studenten gerne auch über die Zeit weitergemacht. Noch sind sie ja keine Profis. Keinen aber freut das Gelingen die Veranstaltung mehr als Rektor Gössling, der bereits zwei weitere seiner Philharmoniker-Dirigenten-Spezis für Orchesterworkshops im Jahre 2006 ankündigen kann: Zubin Mehta und Daniel Barenboim.
Die IV. Dirigenten-Werkstatt INTERAKTION in Berlin
Dirigieren lernt man in der Praxis, vor dem Orchester, Probieren geht über Studieren, so fundamental und wichtig natürlich die alles umfassende Kenntnis der Partitur ist. Wer in der Musik, wie sie gedruckt ist, Bescheid weiß, aber nicht mit dem Orchester umzugehen, die Musiker nicht für die eigene Werkauffassung einzunehmen vermag und zwar von Beginn der ersten Probe an, hat schon verloren. Deshalb ist es für junge Dirigenten so wichtig, sich frühzeitig in der Konfrontation – besser: in der Arbeit mit dem Ensemble zu erproben. Diese Chance bietet die Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin mit der jährlich durchgeführten Dirigenten-Werkstatt INTERAKTION auf besondere Weise.
Die Idee für diesen ungewöhnlichen Meisterkurs lieferte Klaus Harnisch, der jetzt auch bereits zum vierten Mal für die organisatorische Umsetzung unter dem Dach der HfM sorgte, mit voller Unterstützung ihres Rektors, Prof. Christhard Gössling, und im Zusammenwirken mit Prof. Christian Ehwald als Dirigentischem Mentor.
Das Konzept besagt: „Junge DirigentInnen führen das Kritische Orchester – das Kritische Orchester führt junge DirigentInnen ... in der gemeinsamen Gestaltung des Ereignisses Musik“ In diesem Kritischen Orchester aber finden sich Musikerinnen und Musiker aus vielen klangvollen Ensembles, darunter alle großen Berliner Orchester und die Sächsische Staatskapelle Dresden, dazu erfahrene Hochschuldozenten, zusammen, freiwillig und ehrenamtlich für mehrere oder alle fünf dreistündigen Proben, bei einem stilistisch breitgefächerten Repertoire, das dieses Mal von Mozart über Strawinsky, Debussy und Johann Strauß zu Bruckners Vierter führte und auch Solokonzerte von Tschaikowsky und Dvorak enthielt.

Da rotierten – eine einmalige, geradezu historische Konstellation – bei den I. Violinen mit höchstens acht Spielern nicht weniger als sechs Erste Konzertmeister, unter ihnen ein aktiver und ein pensionierter der Berliner Philharmoniker, mit gleicher Verve auch am letzten Pult und, wie die meisten in diesem Ausnahmeorchester, immer in dem Bemühen, den Nachwuchskapellmeistern zu vermitteln, worauf es in deren Funktion vor allem ankommt. Deutliche, genaue Zeichengebung wird dabei selbstverständlich vorausgesetzt; wichtig ist jedoch vor allem, die musikalische Absicht auch im Detail zu suggerieren. Immer wieder wird aus allen Orchestergruppen eingefordert, mit rechter wie linker Hand – nur nicht ständig gleichlaufend, aber auch durch Mimik, Körperhaltung und Blickkontakt die Zielrichtung, Struktur und Innenspannung des Klanggeschehens zu vermitteln. „Sie denken zu viel ans Dirigieren; denken Sie mehr an die Musik“, lautet die Aufforderung, oder „Sie müssen nicht ständig rauf- und runterschlagen, aber an einigen entscheidenden Stellen brauchen wir Impulse von Ihnen“, und aus der Cellogruppe rechtsaußen: „Nichts gegen Ihr Profil, aber Sie sollten sich auch einmal den tiefen Streichern zuwenden, wenn wir das Geschehen bestimmen“.

Michael Jenne_Neue Musik Zeitschrift_Ausgabe März 2006
Aus 50 Bewerbungen hatte eine Jury anhand eingesandter Video-Aufnahmen zunächst acht Kandidaten ermittelt, die zum Auswahldirigieren – dieses Mal mit dem Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt/Oder – eingeladen wurden. Die so ermittelten vier aktiven Teilnehmer der dreitägigen Werkstatt im Alter zwischen 27 und 33, darunter drei noch im Studium, vermochten sämtlich erkennbar von diesem Intensivkurs zu profitieren, zeigten allerdings auch noch bedenkliche Schwächen, etwa durch ständiges, Unruhe signalisierendes Vor- und Zurücktreten oder eine stereotype Wegwischbewegung des linken Arms, wo eigentlich Betonung und Intensität gemeint waren. Wer von ihnen sich auf dem Wege zu einer wirklichen Dirigentenkarriere befindet, steht dahin; als Ergänzung zum Studium und als Orientierungsmarke im Prozess der Qualifikation für diesen vielfältig anspruchsvollen künstlerischen Beruf ist eine solche Werkstatt von hohem Wert, nicht nur für die zur aktiven Teilnahme Auserwählten. Da verwunderte es, dass sich nicht sehr viel mehr Kapellmeister-Aspiranten unter den Beobachtern dieses öffentlichen Workshops fanden. Etwas Besseres dürfte es kaum geben.