
Beim Blick auf die Orchesterbesetzung könnte man glauben, Richard Strauss hätte mit seiner "Ariadne auf Naxos" ein Stück eigens für Musikhochschulen geschrieben: 36 Instrumentalisten, das sind nicht viel mehr als in den Anfangszeiten der Oper dreihundert Jahre zuvor. Und die Gesangspartien der "Ariadne" halten sich dem Umfang nach in menschlichen Maßen, kein Vergleich mit Richard Wagner. Wenn nur manche Passagen nicht so verzweifelt schwierig zu singen wären ... Bei Zerbinettas Bravourarie halten auch geübte Opernbesucher den Atem an: Schafft die Sopranistin ihre Koloraturen?
"Ariadne auf Naxos" ist ein Wagnis für Nachwuchskünstler. Die Berliner Hochschule für Musik Hanns Eisler hat es gewagt - und sie hat gewonnen. Schmunzelnd nimmt man zur Kenntnis, dass neben der künstlerischen Qualität am Rande auch noch die Raumprobleme des Hauses demonstriert werden. Ganz wörtlich "am Rande" Die bloß 36 Instrumentalisten finden nicht alle im Orchestergraben Platz, Tasten- und Schlaginstrumente mussten erhöht rechts und links plaziert werden. Dass die Bühne knapp bemessen ist, lässt sich im Vorspiel sogar ins Positive wenden: ein Durcheinander auf engstem Raum. Der reichste Mann von Wien, der seinen Gästen große Oper und lustiges Tanzspiel präsentieren will, stellt den Künstlern eben nur eine improvisierte Garderobe zur Verfügung.
Im Vorspiel auch die erste große musikalische Überraschung: Sarah van der Kemp in der Rolle des Komponisten. Man sollte sich den Namen merken, der rührende Künstlerstolz auf das erste große Werk gelingt ihr ebenso wie die dramatische Verzweiflung über die Launen des reichen Mannes, der die hohe Kunst der Oper zunächst durch das lustige Nachspiel entweihen will und dann wahrhaftig anordnet, beide Stücke gleichzeitig aufzuführen.
Kompliment für das junge Ensemble der Hochschule: Die Turbulenzen zwischen den beiden Künstlergruppen bleiben über weite Strecken im Wortlaut verständlich. Vielleicht hätte es dennoch nicht geschadet, dem Publikum eine ausführlichere Inhaltsangabe an die Hand zu geben. Strauss und sein Textdichter Hugo von Hofmannsthal konnten, als das Stück zwischen 1912 und 1916 entstand, noch Selbstverständlichkeiten voraussetzen, die heute keineswegs mehr selbstverständlich sind.

Selbst wenn die Geschichte von der verlassenen Ariadne, die schließlich im Gott Bacchus ihren neuen Liebhaber findet, noch gegenwärtig ist: Hofmannsthals Einfall, dass die "ungetreue Zerbinetta mit ihren vier Liebhabern" eine Stunde lang versuchen, die trauernde Prinzessin auf ihrer "wüsten Insel" zu trösten, hat die "Ariadne" zu einem der intelligentesten, aber auch komplexesten Stücke der Musikliteratur gemacht.
Jedenfalls im 20. Jahrhundert ist "Ariadne" auch eines der klangprächtigsten Stücke des Musiktheaters. Dass im zweiten Teil, der eigentlichen Oper, der Wortlaut passagenweise in diesem Straussschen Klangrausch untergeht, ist unvermeidlich. Wiederum die Überraschung: Auch dieses Abenteuer ist gelungen, der hübsche Schlagabtausch, den sich Primadonna und Tenor im Vorspiel liefern ("Man erträgt es nicht, diesen Mann so viel singen zu hören" - "Niemand hält es aus, wenn diese Frau unaufhörlich auf der Bühne steht") läuft bei Evelina Dobraceva und Stefan Heibach ins Leere. Schließlich Yvonne Friedli als Zerbinetta: in ihren Koloraturen bereits erstaunlich treffsicher. Hoffen wir, dass sie in ein paar Jahren, wenn die Technik weiter ausgereift ist, das Soubrettenhaft-Leichte ihres Tonfalls beibehalten hat.

scienzz magazin_Josef Tutsch_29.04.2005
Aufführungen noch am Samstag, dem 30. April 2005, und Montag, dem 2. Mai 2005, jeweils 19 Uhr, im Studiosaal der Hochschule für Musik Hanns Eisler, Charlottenstraße 55, Berlin-Mitte, Nähe Gendarmenmarkt. Karten zu 9 Euro, ermäßigt 6 Euro (Telefon 030/90269842)
Bis 2. Mai 2005 ist im 2. Obergeschoss eine Ausstellung mit Bühnen- und Kostümbildentwürfen für "Ariadne auf Naxos" zu sehen: Ergebnisse eines Wettbewerbs, den die HfM gemeinsam mit dem Studiengang Bühnenbild der Technischen Universität Berlin ausgerichtet hat. Eintritt frei.
in der sendung "kulturradio am morgen"
im rbb-kulturradio ist am 26. april 2005 um 6.15 h ein portrait über frau prof. tabea zimmermann zu hören. eine wiederholung des portraits wird um 9.30 gesendet.
portrait prof. tabea zimmermann
kulturradio
26. april 2005 6.15 h
9.30 h wiederholung
frequenz 92,4 (ukw)
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