Pressestimmen Januar 2005

Am "Abgrund"

Nachbarschaftliche Kooperation zwischen dem Berliner Konzerthaus und der Hochschule für Musik »Hanns Eisler« hat sich zu beiderseitigem Nutzen bewährt. Auf dem »Musikforum Gendarmenmarkt« können Studenten und ihre Lehrer öffentlich auftreten. Es entsteht eine Brücke zum Publikum, das den künstlerischen Nachwuchs und dessen Qualität kennen lernt. Dabei sind dies keine der üblichen Schülerkonzerte, sondern ernst zu nehmende Darbietungen von beachtlichem Rang. Meist absolvieren die jungen Leute noch ein Zusatz oder Aufbaustudium an der Hochschule.

Solche bereits erfahrenen Jungen und ihre Dozenten gaben jedenfalls beim letzten Forum den Ton an. Als musizierender Mentor und Dirigent wirkte David Geringas, litauischer Meistercellist und Professor an der Hochschule. Natürlich stand das Programm im Zeichen des tiefen Streichinstruments: Ensemblestücke von Komponisten aus Russland von einst und jetzt. Dass diese Musik sozusagen tief aus russischer Seele klingt, ließen die Interpretationen hautnah spüren.
Das a-Moll Streichquartett (op.35) des hier unbekannten Anton Arenski - 1883 zur Erinnerung an Tschaikowski komponiert - steht dafür: In ungewöhnlicher Besetzung mit zwei Celli, Viola und Violine herrscht ein dunkler Vollklang vor, ist nationales Melos bestimmend. Die Forum Musiker mit Geringas am zweiten Cello und dem exzellenten Geiger Stephan Picard (auch Professor der Hochschule) boten es in leidenschaftlichem Espressivo. Besonders fesselnd Variationen über ein Thema von Tschaikowski und das Finale mit dramatischem Gipfel über das Lied »Slava«. Interessanter Höhepunkt war die Begegnung mit Sofia Gubaidulina (geb.1931), russisch tatarische Komponistin, seit 1992 in Deutschland lebend. Höchst originell ist ihr Stück »Am Rande des Abgrunds« von 2002 für Violoncello solo und sechs Violoncelli sowie zwei Aquaphone. Sie hat es ihrem Freund und Gefährten Viktor Suslin gewidmet, als dieser lebensgefährlich erkrankt war. »Abgrund« meint musiziertechnisch die Zone zwischen Griffbrett und Steg, das höchste Register beim Streichinstrument. Dies wird insistierend in raffinierten Artikulationen, klanglichen Nuancen und Strukturen, bis zum furiosen Solo, erreicht. Die Aquaphone (kleine Wasserorgeln), gespielt von Gubaidulina und jenem Suslin, zirbeln helle Klänge, bringen Licht und Ruhe. Der »Abgrund« ist Erlösung im Klang und von existenzieller Bedrohung. Eine bewegende Musik, von der Solistin Monika Leskovar und der Schülergruppe »Gericelli« (Geringas' Cellisten) sehr überzeugend dargeboten.
In sanftere Gefilde ging's zuletzt mit Sergej Tanejews G Dur Streichquartett (op. 14) von 1901, das sich in romanzenhafter Sanglichkeit zum Teil fast orchestral im russischen Idiom ausbreitet. Pulsierend schönes Spiel war zu hören, wieder mit dem Geiger Picard und zwei Celli, Geringas nun am ersten perfekt. Beifallstürme des begeisterten, vorwiegend jugendlichen Publikums.

Liesel Markowski_Neues Deutschland_17.1.2005

Die dunkle Macht der Celli

Die Komponistin Sofia Gubajdulina trifft David Geringas und Studenten

Sofia Gubaidulina, die große alte Dame der russischen Musik, besucht Berlin. Anlass ist die Aufführung ihres Werks "Am Rande des Abgrunds" für Violoncello-Solo, sechs Violoncelli und zwei Aquaphone durch David Geringas und seine Studenten an der Hochschule für Musik Hanns Eisler: Es sei der Komponistin ein Bedürfnis gewesen, gemeinsam mit Viktor Suslin, dem Widmungsträger des Werkes, den Aquaphon-Part selbst zu übernehmen und mit den Fingerkuppen am Wasserglas geheimnisvolle Sphärenklänge zu erzeugen. Geringas und die russische Komponistin sind seit 1986 befreundet, als der Cellist deren "Sieben letzte Worte" in Lockenhaus aufführte. "Am Rand des Abgrunds" entstand 2002 in der Zeit einer persönlichen Krise. Der "Abgrund" bezeichnet aber auch ganz konkret die Zone zwischen Griffbrett und Steg, unter der sich buchstäblich ein Abgrund auftut. Und dass die Zahl 7 eine auffällige Rolle spielt (7 Celli, 7 Abschnitte), hat bei Sofia Gubaidulina auch einen christlichen Beiklang. David Geringas kombiniert das Stück mit seltenen Werken zweier russischer Romantiker, die ebenfalls den Cello-Part multiplizieren: Anton Arenskys 2. Streichquartett für Violine, Viola und zwei Violoncelli und Sergej Tanejews 1. Streichquintett für zwei Violionen, Viola und zwei Violoncelli.

Boris Kehrmann_Ticket_Der Tagesspiegel_13.1. - 19.1.2005