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Vortragsreihe

Musikalischer Transfer und kulturelle Identität

Prof Dr. Stefan Drees (Berlin)

Nicht erst im Zeitalter der Globalisierung spielen im Bereich der Musik kulturelle Identitätsbildung und interkultureller Kontakt eine zentrale, kaum zu überschätzende Rolle. Musikexport und -austausch konnten – so zeigen Phänomene wie die Ausbreitung der franko-flämischen Polyphonie im Europa der Renaissance, der Siegeszug der italienischen Oper im 17. und 18. Jahrhundert oder die Übernahme von Musikinstrumenten der türkischen Janitscharenmusik ins europäische Orchester gegen Ende des 18. Jahrhunderts – sehr unterschiedliche Konsequenzen zeitigen und reichten von Formen der innovativen kompositorischen Aneignung einer jeweils fremden Musikpraxis bis hin zur bewussten Abgrenzung von ihr. Dementsprechend schwanken auch die Einschätzungen von Musik- und Kulturtransfer zwischen zwei extremen Positionen: Während die eine entsprechende Vorgänge als willkommene Bereicherungen der jeweils herrschenden Musikkultur ansieht, werden sie von der anderen als Phänomen der kulturellen Überfremdung einer lokalen oder nationalen Tradition gedeutet, die in der Lage ist, wertvolle Inhalte des eigenen kulturellen Gedächtnisses auszulöschen.

Anhand ausgewählter Beispiele aus dreihundert Jahren Musikgeschichte begibt sich die Vortragsreihe „Musikalischer Transfer und kulturelle Identität“ auf die Suche nach den Spuren von Transfervorgängen: Was passiert bei regionalen und nationalen musikalischen Grenzüberschreitungen, wenn beispielsweise Migration zu einer Konfrontation und Interaktion zwischen zwei verschiedenen Musikkulturen führt? Lassen sich unterschiedliche Mechanismen des Kulturaustausches beschreiben und definieren? In welchen kulturellen Kontexten bewegen sich Musikerinnen und Musiker und inwieweit sind diese identitätsstiftend? Inwieweit greifen Komponistinnen und Komponisten bei der Suche nach künstlerischer Identität auf das Fremde zurück? Und wie wirken sich all diese Prozesse kurz- oder langfristig auf das musikalische Schaffen aus? Mit diesen und weiteren Fragen beschäftigen sich insgesamt neun Vorträge und eine Podiumsdiskussion im Sommersemester 2017.

„… das Komponieren von Musik als Heimat und Fremde zugleich“: Strategien zur Suche nach kultureller und künstlerischer Identität in der Musik der Gegenwart (Antrittsvorlesung)