
1896-1901
Im Auftrag von Wilhelm II. wurde von 1896 bis 1901 südlich des Berliner Stadtschlosses der mehrflügelige neobarocke Neue Marstall nach den Plänen des Hofbaumeisters Ernst von Ihne errichtet. Das viergeschossige Gebäude mit Sandsteinfassade diente auf zwei Stockwerken der Unterbringung von 300 kaiserlichen Pferden sowie der Kutschen und Schlitten, die über große Rampen bewegt wurden. In einer Art Kutschenmuseum konnte zahlendes Publikum die Galakutschen und Krönungswagen besichtigen – dort befinden sich heute die Konzertsäle der Hochschule.
Der ehemalige Alte Marstall, 1669 vom holländischen Baumeister Michael Matthias Smids in der Breiten Straße errichtet, wurde in den Neuen Marstall integriert. Der Gebäudekomplex umschloss drei ältere Gebäude an der Breiten Straße: den Alten Marstall, das Ribbeck-Haus (1624) und die Ritterakademie (1803), die im Zweiten Weltkrieg vollständig zerstört wurde. Der Remisenhof, der heutige Innenhof der Hochschule, war mit einer Glas-Eisen-Konstruktion überdacht. Der gesamte Marstallkomplex besitzt drei Innenhöfe und umfasst auf der Spree-Seite eine Länge von 176 Metern, zum Schloßplatz hin 83 Meter.

1918/19
Während der Novemberrevolution 1918 wurde der Neue Marstall in Berlin zum Hauptquartier der Volksmarinedivision. Am Waffenstillstandstag des Ersten Weltkrieges, am 11. November 1918, schlossen sich Teilnehmer des Kieler Matrosenaufstands und in Berlin ansässige Marinesoldaten zur Volksmarinedivision zusammen. Die I. Abteilung zur Bewachung der Reichskanzlei, Reichsbank, Museumsinsel und des Ullstein Verlags wurde im Neuen Marstall stationiert.
An die heftigen Kampfhandlungen zwischen Matrosen und Freikorps-Truppen sowie an die Ausrufung der „freien sozialistischen Republik“ durch Karl Liebknecht am Berliner Schloss erinnern zwei Bronzereliefs im Stile des Sozialistischen Realismus des Bildhauers Gerhard Rommel. Sie wurden in der DDR 1988 zum 70. Jahrestag der Novemberrevolution an der Schloßplatz-Fassade angebracht.

1921
Nach der Auflösung der Volksmarinedivision 1919 wurden die Pferdeställe zu Büchermagazinen umgebaut und von der Berliner Stadtbibliothek genutzt. Die 1901 von der Berliner Stadtverordnetenversammlung gegründete Stadtbibliothek ist heute Teil der Zentral- und Landesbibliothek. Sie bezog 1921 die Räumlichkeiten im Alten und Neuen Marstall. 1933 wurden im Büchermagazin des Neuen Marstalls die von den Nationalsozialisten unerwünschten Medien aller städtischen öffentlichen Bibliotheken eingelagert.

1943
Im Zweiten Weltkrieg wurde der Neue Marstall bei den alliierten Luftangriffen 1943 teilweise zerstört und brannte aus.

1950-1954 und 1961-1965
In zwei Bauphasen wurde der Komplex ohne schmückende Fassadenelemente vereinfacht wiederaufgebaut. Ab 1950 wurden Gebäudeteile provisorisch für die Stadtbibliothek wiederhergerichtet und ausgebaut, 1961 begann der Wiederaufbau, bei dem das Architektenkollektiv von Heinz Mehlan einen Bibliotheksneubau an der Stelle der ehemaligen Ritterakademie errichtete. Teile des ursprünglichen Fassadenschmucks des Bildhauers Otto Lessing wurden 1988 an der Spreeseite enthüllt. Das Tympanon (Dreiecksgiebel) der Schloßplatz-Fassade mit dem Preußen-Wappen, die Rossebändiger und Attika- Skulpturen, die den Krieg überstanden hatten, wurden entfernt. Die beiden Wandbrunnen, der Prometheus-Brunnen und der Perseus-Brunnen in den Wandnischen der Fassade, mussten 1988 den Bronzereliefs von Gerhard Rommel weichen.

1967
Der Schlossflügel und Teile des Spreeflügels wurden nach dem Wiederaufbau ab 1967 dem geplanten Palast der Republik als Verwaltungstrakt zugeordnet. Unterirdisch war der 1976 eröffnete Palast der Republik mit dem Neuen Marstall durch den „Marstall-Tunnel“ verbunden. Im Zuge der Abbrucharbeiten am Palast wurde er 2019 zugeschüttet. Die Akademie der Künste der DDR unterhielt hier außerdem Ausstellungs- und Magazinräume. Bis 1975 war die Neue Berliner Galerie des Zentrums für Kunstausstellungen der DDR hier ansässig.

1998
Der Senat von Berlin schrieb 1998 einen Architekturwettbewerb für die Umstrukturierung des Marstallkomplexes aus, um für die Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin einen neuen Standort zu schaffen. Das beauftragte Planungsbüro Anderhalten Architekten behielt die historische Grundstruktur des Neuen Marstalls bei. Einbauten der Nachkriegszeit wurden entfernt, historische Ausbauelemente waren nicht mehr erhalten. Der rohe Ziegelbau bildete die Ausgangsbasis für die Neugestaltung des Innenausbaus.
Der Krönungskutschen-Saal sowie die Galakutschen-Säle I und II im Schlossflügel dienen heute als variabel nutzbare Konzertsäle. Im Spreeflügel entstanden auf acht Ebenen mehr als 76 kleinteilige Probezellen für die Musikhochschule. Für das gesamte Gebäude wurden von Anderhalten spezielle Akustik- und Schallschutzelemente entworfen. Dazu gehören u.a. die Kunststoffkalotten an den Wänden der Säle sowie die halbtransparenten Kugeln, die mit bis zu 1,75 Meter Durchmesser im für Orchesterproben eingerichteten Krönungskutschen-Saal auf Galerieebene in die Decke eingehängt wurden.

2005
Die Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin bezog 2005 die Räume des umgebauten Neuen Marstalls als ihren zweiten Standort. Im Rahmen eines Ringtausches dafür wurde das alte Hochschulgebäude in der Wilhelmstraße 64 an den Bund abgegeben. Im Neuen Marstall befinden sich neben den verschieden großen Übezellen und Ensembleprobenräumen auch eine Probebühne für Musiktheater sowie Unterrichtsräume. Die Hochschule veranstaltet in ihren Sälen bis zu 300 Veranstaltungen im Jahr, die für das Publikum geöffnet sind.
Aus der Geschichte des Neuen Marstalls